Arneburg

in

der Altmark

und

seine Geschichte.

 

 

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Wie jeder hat ein Mädchen,

das küßt er bald.

Hat jeder auch ein Städtchen

das liebt er halt.

Nicht weil in seinen Toren

etwas Besondres gar,

Nein! Weil er dort geboren

und fröhlich war.

 

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Die Geschichte des am Strande der Elbe gelegenen Städtchens Arneburg ist eine recht interessante. Leider ist der Ort so wenig bekannt und daher in Vergessenheit geraten.

Ja, wer kennt heute diese Stadt, weiß von ihr, ist sich auch nur ihrer Existenz bewußt? Ich glaube, kaum jemand. Sie liegt so ganz außerhalb des Gesichtskreises. Die großen Bahnen führen nicht an ihr vorüber, und die Zeitereignisse nehmen von ihr nicht mehr Notiz. Einst war es anders; Jahrhunderte, ja, mehr als ein halbes Jahrtausend lang, war Arneburg eine Größe, eine Wichtigkeit, etwas von ausschlaggebender Bedeutung für weit Teile der Mark Brandenburg. Das war aus verschiedenen Anlässen, die wir später lesen. Sie wechselten, die Bedeutung blieb, blieb von der Gründung der Bistümer zur Ottonenzeit bis zum dreißigjährigen Kriege. In diesen langen Jahrhunderten warf auch an den Strand dieses Örtchens das brausende Meer des öffentlichen geschichtlichen Lebens seine Wogen.

Dann eines Tages, war die Bedeutung vorbei, als Brandenburgs Kurfürsten sich bedeutendere, wichtigere Orte zu Residenzen, oder auch nur zu Erholungsstätten aussuchten. Schon lange ehe des Reiches Hauptstadt Berlin zu entstehen begann, krönte die Höhen Arneburgs eine Kaiserfeste. Mehr und mehr in Vergessenheit geraten, wards still im Städtchen und als gar die Eisenbahn Berlin-Hannover meilenweit abseits der Stadt gebaut wurde, um Bismarcks Geburtsort Schönhausen zu berühren, da sank Arneburg erst ganz in eine Art Dornröschen-schlummer zurück.

Die Vergangenheit Arneburgs wird nun zwar in mehreren Werken und kleineren Abhandlungen geschildert, ohne daß es jedoch jemals ein zusammenhängendes Ganzes, das auch nur dieses Thema behandelt, gegeben hätte.

Einem von zahlreichen Landsleuten und Freunden geäußertem Wunsche entsprechend will ich versuchen, soweit ich dazu in der Lage bin, und alles irgend nur erreichbare, immerhin recht spärlich aufzufindende Material herbeischaffen kann, alles das in diesem Büchlein zusammen zu fassen, was der Erinnerung wert ist. Und gerade in Anbetracht dessen, daß unser schönes Arneburg im Jahre 1924 das Fest seines tausend-jährigen Bestehens feiern kann, ist es mir besonders wertvoll, den gegenwärtigen Generationen von der einstigen Größe unserer Heimat zu erzählen.

Nicht Eigennutz trieb mich an meine kleine Arbeit; beseelt von tiefer Liebe zur heimatlichen Erde bin ich an dies schlicht Werk gegangen, um das Interesse an unserer lieblichen Altmark wieder neu zu beleben und zu fördern.

Mögen daher meine bescheidenen Worte ihr Ziel nicht verfehlen.

 

 

Berlin, Anfang 1923

Der Altmärker schätzt seine Heimat über alle Maßen, heute, wie vor Jahrhunderten. Schon der alte Christof Entzelt rühmt von ihr in seiner 1579 geschriebenen Chronik:

"Es ist aber das landt, die Alte marck, mit hohen gnaden vnd gaben Gottes gezieret, einer gesunden lufft, ein reich Kornlandt, schöner vihezucht, Botter, Kese, Wolle, Honig, fleisch, vische, schön brot, Wildtbrat, Küchenspeiß und Holtz vnd wüste nicht, was dem lande gebrechen sollte."

In der Altmark ist auch in unsren Tagen, abgesehen von der letzten Kriegsnot, noch immer gut und fröhlich zu leben gewesen. Die Altmärker rühmen sich, bei ihnen fließe, wenn auch nicht, wie im gelobten Lande, Milch und Honig, so doch "Speck und Balsam". Das sind nämlich zwei lustige Wiesenbächlein.

Von den früheren Bewohnern der Altmark berichtet Entzelt weiter:

"Es hat aber vorzeiten im lande ein sehr einfeltig, from, aufricht, ehrbar Volk gehabt, rechter Deutscher art, grob von sitten vnd leben, die ihr Datum (Zuversicht) auff keine herrliche gebewete besserung oder vorrath gesetzt haben, sind wol zufrieden gewesen. Daher man sagt: Die groben Altmärker."

In zähem Festhalten an Sitte und Brauch, an ererbtem und erworbenem Besitz mag der Altmärker sich vor manchem andren Stamme auszeichnen. Zäh ist er in seinem Wesen, knorrig und langsam, der erst warm werden muß, um tüchtig zuzuschlagen, dann aber auch so leicht nicht wieder abläßt. Nicht wetterwendisch und veränderungslustig, nein, langsam und bedächtig im Entschluß, in Liebe und Hass, dann aber auch ohne Schwanken und Wanken.

"

Dat kank ju sengn, wenn´t sinn mütt, denn helpt et nich, öberst denn drist tofoten, wat dat Tüch hollen will, je hiller je düller. Un denn jeit´t ook fuats."

So ist altmärkische Art.

 

 

 

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Nachtwandlung

Dän´n Nachbarn Krusen hem´n se all öfters Plumen van sine Böm in n Joan affricht. He hett all lang upp dacht, wie he dän´n Dieb mol foten künn. Nist het em öber hulpen, denn de Dieb namm se em immer to nachtslopender Tit, unn sine Ruh woll sick Krus doch ook nich nehmen loten. Da käm öberst en schön Steernnacht, de Mond mokt allens hell buten, un as Krus so in sin Bett lingen deit, da batter´t man wedder so von de Böm. Nu wärt´t mi öber doch to bunt, secht Krus, unn jangwis rut ut´t Bett unn rinn in de Hoasen. He lojet to Vörsicht sin Flint unn jeit janz sacht no´n Joan. Da süht he een Kärdel in´n Bom sitten unn fuats lecht he sin Flint upp em an. Öberst da käm em in de letzte Sekumm de Jedank: "Nä, tum Mörder kannst du die doch nich moken, Krus, man blos wejen de lumpigen Plumen." Unn dorüm schreit he ut vollem Halse: "Ick scheete, ick scheete!" Vor Schreck fallt de Kärdel ut´n Bom, as wenn de Düwel in em sitten da, un he schreit ejol wech: "Nich scheeten, nich scheeten, ick bin jo Schult!" (Schultz) Öberst da is Krus denn doch so erstaunt, dat he sin Flint liks an´n Busch stellt unn upp sin´n Nachbarn Schult tojeit. "Na Schult" secht he da upp, "Noch een Sekunn, un öbermorjen han wi di bejrowen münn´n, watt best Du Sotan in min Plum´n to dohn?" "Jo, secht Schult, watt hettst Du nu blos mokt, wenn Du´n Mörder worden wärst? Unn watt ick mank Dine Plumen to dohn ha? Dat wick Di janz jenau sengn, nämlich datselbe, watt Du Sotan vörige Wooh mank min Kohl to dohn haast, denn min Kohl is woll better as Din´n, unn Din´n Plumen sinn better as min!"

Unn da upp schüttelten sick de beiden Sotans de Hänn. Schult jeit befriedigt aff. Krus öber ook, ken Wuat hemm´s mehr tohoop red´t. Krus treckt sin´n Hoasen wedder aff, un jeit jangwis wedder to Bett, denn dat Jewissen war emm, wi mi dücht, ook nich janz rein.

 

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Die Stadt Arneburg liegt in dem Stammlande des Preußischen Staates, der Altmark. Wir finden sie auf dem westlichen Ufer der Elbe, im

50° 40´ 35" n. Br. und

29° 40´ 30" öst. L.

Sie gehört zum Kreise Stendal. Ihre Lage ist eine recht romantische, denn sie liegt auf dem höchsten Punkte einer Anhöhe, die sich von südlich Tangermünde bis nördlich Dalchau erstreckt und die zum Teil steil gegen das Flußbett der Elbe abfällt. Durch den Ort hin führt die alte Heerstraße von Magdeburg nach Hamburg, jetzt südlich mit Billberger-, nördlich mit Dalchauer Weg bezeichnet.

Zusatz: Höhe über NN

Galgenberg: 75 m südwestlich

Hohes Tor: 56 m

Spatzenfalle: 42 m

Elbstrom: 25 m (normaler Wasserstand)

Kirchturm: 38 m über Kirchplatz

Südwestlich des Ortes erhebt sich der Galgenberg, so genannt, weil in alter Zeit dort die Galgen für die zum Tode verurteilten Verbrecher standen (siehe bei 1808). Er ist eine sanft ansteigende Höhe, die das Niveau der Stadt um ein Beträchtliches überragt.

Von dieser Anhöhe aus (Aussichtsturm auf dem Wasserwerk) hat man einen prächtigen Fernblick in das diesseitige altmärkische und in das jenseitige flache wendische Land hinein.

Zur näheren Orientierung über die Lage Arneburgs möge angeführt sein, daß man von jenem Aussichtsturme nach Süden gerichtet u. a. Schönhausen, den Geburtsort des großen Bismarck, ferner Jerichow, Tangermünde, nach Südwesten Stendal, nach Norden den Dom von Havelberg, den von Wilsnack, die Kirche von Werben, gegen Osten die Höhen von Camern und Rhinow und zwischen allen diesen Punkten viele anmutige Dörfer im weiten Umkreise erblickt.

Vom steilen Ufer des Höhenzuges führen auf der Feldmark Arneburgs mehrere z. T. wildromantische Schluchten zur Elbe hinab, u. a. der Schlüdensche Grund, der Kachau, der Hohlweg, die Roßforte, der Turmbeck, der Cassiergraben usw.. Auf einige dieser Schluchten komme ich später noch zurück, denn an ihnen lagen längst verschwundene wendische Dörfer, deren Namen diese Täler heute noch führen.

Der äußere Eindruck, den die Straßen der Stadt dem Fremden bieten, ist der einer märkischen Kleinstadt. Einfach, schmucklos und bescheiden, aber sauber, präsentiert sich ihr Gesamtbild. Wenn auch im Weichbilde der Stadt keine Verschönerungen ihres Äußeren möglich waren, so sind doch Vereine eifrig bestrebt, die nächst Umgebung des Ortes durch Anlagen und schattige Wege zu verschönern und recht angenehm zu gestalten. Besonders hervorgehoben zu werden verdient die Roßforte die in der Verlängerung der Hauptstraße Arneburgs zur Elbe hinabführt. Ihren Eingang schmückt ein überaus würdiges Denkmal zu Ehren der gefallenen Helden des Weltkrieges. Die Roßpforte, mit gärtnerischen Anlagen und 2 Springbrunnen versehen, stellte bisher ohne Zweifel ein Prachtstück unter den Sehenswürdigkeiten Arneburgs dar. Schön angelegte Wege führen von hier aus den Abhang wieder hinauf zur "Schifferkanzel", einem künstlich angelegtem landungsstegähnlichen Vorsprunge, der über alle Baumwipfel hinweg einen erhebenden Anblick des Stromes nach rechts und links und des jenseitigen malerisch schönen Landes gewährt.

Nicht unerwähnt möge das Fährhaus, kurz die "Fährstelle" genannt, bleiben. Wir finden sie in einiger Entfernung südlich der Stadt. Sie bietet ein wirkliches Ruheplätzchen hart am Fuße des Abhanges. Ein Gartenrestaurant, geschmückt durch Blumenrabatten und Ziersträucher, überragt von mächtigen Pappeln, ist dort erst vor wenigen Jahrzehnten entstanden. Dem jetzigen Fährmeister, Herrn Lüdicke, gebührt volle Anerkennung für diese nette Anlage. Da das Fährhaus aber auch unweit des Elbfreibades gelegen ist, so bildet es den Anziehungspunkt für Ausflügler und Sommergäste.

An der ganzen Elbfront der Arneburger Gemarkung entlang zieht sich kilometerweit eine Promenade teils in halber Höhe des Berges, teils am Fuße desselben laufend dahin. Sie berührt von Süden anfangend u. a. folgende Punkte: den Kachau, die Tonbrüche, das Fährhaus, den Hohlweg, den Burgberg, einen Teil der unteren Stadt, die Roßpforte, den Turmbeck, und verläuft dann im Wiesengrunde am Cassiergraben nahe der Grenze des Dorfes Dalchau.

An der Südwestecke der Stadt erhebt sich der eben genannte Burgberg, der in alter Zeit von größter Bedeutung bei der Abwehr feindlicher (wendischer) Angriffe war. Auf diesem Burgberge stand die alte Kaiserfeste Arneburg als Hauptsturmbock der Altmark gegen Osten. Heftige Kämpfe umbrandeten ihn damals; heute liegt er still, träumerisch vor den Augen der Besucher. Von der einstigen Kaiserfeste sind leider nur noch ganz geringe Überreste heute vorhanden. In nachfolgenden Sätzen werden wir uns noch eingehend mit dieser Burg beschäftigen. Heute ist der alte Burgpark ein beliebter, schattiger Aufenthaltsort in der sommerlichen Hitze. Eine breite, fliederbegrenzte Promenade umsäumt dieses historische Fleckchen Erde, von dem man einen prachtvollen Fernblick über den Elbstrom, den man bis Tangermünde verfolgen kann, genießt.

"Der sanft durchs Tal die Fluten rollt,

Es quillt im Grunde leise Regung

Und Silber säumt sein flüssig Gold."

Das Klima Arneburgs kann als ein recht gesundes bezeichnet werden, doch ist es im Winter, zumal bei Ostwinden, infolge der hohen Lage des Ortes etwas rauh. Im Sommer ist Arneburg mit seiner schönen reinen Luft ein billiger Luftkurort, der von vielen Fremden und Freunden der Natur gern besucht und daher stets geschätzt wird. Einen vortrefflichen Elbbadestrand finden wir dann vor, auf dem an schönen Sommertagen ein buntes Leben und Treiben herrscht; Jung und Alt tummelt sich dort in der kühlen Flut des Stromes.

So mancher Großstädter, müde von der Arbeit Last und Hitze, hat sich in der gesunden Luft und in der herrlichen Ruhe Arneburgs erholt und ist von neuem gestärkt in das wogende Getriebe der Großstadt, zu seiner Arbeit zurückgekehrt.

"Ja, hier fand so mancher, der sich tapfer stellt

Im Kampf mit aller Unbill dieser Welt

Ein stilles Plätzchen, wo er dann und wann

Die ganze weite Welt vergessen kann."

Aber nicht nur im Sommer, wenn das saftige Grün der Werderwiesen uns anlockt, sondern auch im Frühjahre, wenn die Elbe Hochwasser führt und weithin das Land überflutet, ja, sogar im Winter, wenn gewaltige Eismassen auf dem Strome zu Tal streben, wird Arneburg gern besucht. Auch an diesen Naturgewalten hat sich manches Fremden Blick erfreut und ihre massigen Eindrücke mit heimgenommen. Bis unmittelbar an den Fuß der Anhöhe schwellen die Fluten der Elbe bei solchem Hochwasser an, so daß den Bewohnern der hier liegenden Häuser nichts anderes übrig bleibt, als auf Kähnen die Wege, die zur Höhe hinauf führen, zu erreichen. Die Hauskeller, ja, selbst die im Erdgeschosse liegenden Wohnungen stehen dann manchmal unter Wasser. Am Hause des Fährmeisters finden wir die Jahreszahlen, die die höchsten Wasserstände der Elbe angeben. Tritt infolge anhaltenden Frostes starker Eisgang auf der Elbe ein, so kommt, wie der Arneburger sagt, die Elbe zum Stehen. Weil nun bis dahin infolge des starken Eisganges jede Fährverbindung mit dem jenseitigen Ufer unterbrochen war, so sind geschäftige Hände bald dabei, gewöhnlich in der Nähe der Fährstelle eine Bahn über die Elbe zu schlagen, um den Personen- und Fuhrwerksverkehr zu ermöglichen. Bei anhaltendem Frost fordert diese Arbeit immerhin einige Tage Zeit, bis das Eis durch Begießen mit Wasser und Bestreuen mit Sand und Häcksel eine derartige Stärke angenommen hat, daß der Verkehr freigegeben werden kann. Zu beiden Seiten der Bahn richtet man für gewöhnlich große Eisblöcke, gewissermaßen als Barriere auf, um ein Abirren der Passanten vom Wege, das immer mit Lebensgefahr verbunden ist, zu verhindern. Schon oft ist es nun vorgekommen, daß bald nach der Fertigstellung der Bahn Tauwetter einsetzte, und die ganze mühselige Arbeit in kurzer Zeit zunichte machte. Da bei dünner werdendem Eise dann wieder Lebensgefahr beim Betreten der Bahn besteht, sorgen bald Eisbrecher der Elbstrombau-Verwaltung dafür, daß die Elbe eine Fahrrinne erhält, durch die der Fährverkehr wiederhergestellt werden kann.

Die Einwohner der Stadt (ca. 2000 Köpfe) ernähren sich hauptsächlich durch Ackerbau, in letzter Zeit durch eine weit bekannte Spargelkultur, ferner durch Schiffahrt, und durch Fischerei.

Im Sommer, oder vielmehr im Mai und Juni, sieht man, so weit das Auge reicht, die mit der Ernte des Spargels beschäftigten Frauen und Mädchen die geradlinigen Reihen nach dem begehrten Gemüse absuchen. Kommt der Hochsommer aber, wenn das Korn golden und sichelreif zur Ernte bereitsteht, dann wogt dazwischen das Dunkelgrün des Spargelkrautes und bietet dem Beschauer ein sonderbares Bild.

Arneburg hat eine evangelische Kirche, eine Stadtschule, ein Postamt, eine Telegrafenstation, Telefonverbindung, Konservenfabrik, Chamottestein- und Porzellanfabrik; auch ist eine Fischbrutanstalt vertreten, die jährlich Millionen junger Fische dem Elbstrome zuführt. Erwähnt sei auch eine Personendampfer-Verbindung zwischen Arneburg und Magdeburg einerseits und Havelberg andererseits.

Der Magistrat unseres Städtchens setzt sich aus einem Bürgermeister, einem Beigeordneten und zwei Ratsherren zusammen, denen die Stadtverordneten-Versammlung zur Seite steht.

Mehrere Gasthäuser bieten dem Fremden freundliche und billige Unterkunft.

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Die Umgegend von Arneburg ist ein uralter Kulturboden.

Die ältesten Bewohner sind unbekannt. Wohl aber hält der Erdboden noch zahlreiche Erzeugnisse, in erster Linie an Hausgerät, Waffen, Urnen und dergleichen verborgen, die einen Einblick in die Kultur jener Völker gestatten. Gerade die Gegend von Arneburg ist in den letzten Jahrzehnten das Ziel bedeutender Archäologen gewesen, die auf diesen Feldern lohnende Arbeit fanden und hochwichtige Schätze dem Erdboden entnahmen.

Schon bei Beckmann "Historische Beschreibung der Chur- und Mark Brandenburg" von 1753 finden wir die Bemerkung, daß der Erdboden in der Umgegend Arneburgs "viele versteinerte Sachen" enthalte. Auch treffe man im Schlüdenschen Felde viele "todten töpfe in Hügeln versteckt" an.

Hat man sich also schon vor über 160 Jahren mit der Entdeckung befaßt, so ist es Herrn Pfarrer K l u g e, der bis vor wenigen Jahren in Arneburg amtierte, und jetzt im Ruhestande dort lebt, hauptsächlich zu verdanken, daß eine sehr große Anzahl prähistorischer Funde auf der Feldmark Arneburgs geborgen wurde. Kluges jahrzehntelangen Forschungen, die er mit bewundernswertem Eifer betrieb, und die ihm weit über die Grenzen der Altmark hinaus den Namen eines größten Forschers altmärkischer Vorgeschichte einbrachten, lassen ein einigermaßen klares Bild davon zu, daß alte Kulturvölker am Ufer der Elbe in der unmittelbaren Nähe Arneburgs saßen. Ihre Namen kennt man nicht. Ein Schleier, durch den allerdings nur Vermutungen dringen können, deckt die fernste Vergangenheit und sehr treffend sagt Goethe: "Geheimnisvoll am lichten Tag läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben."

An den Uferenden zwischen der alten Heerstraße (Billberger- bzw. Dalchauer Weg) und dem steilen Abhange zur Elbe, ja sogar im Elbsande selbst wurden überaus zahlreiche Funde aus allen 3 Perioden der Steinzeit entdeckt, d. h. aus derjenigen Zeit, in welcher die Menschen zur Herstellung ihrer Geräte und Waffen geschliffene Feuersteine benutzten, da ihnen die Metalle noch unbekannt waren.

Paläolitische Steinzeit

(50 000 bis 20 000 Jahre vor Christi)

Von den Urmenschen der älteren Steinzeit wissen wir natürlich nichts. Kein Denkmal, keine Geschichte, ja selbst keine Sage reicht in die Ferne jener Urzeit. Die Menschen waren waffenlose Geschöpfe, die zu ihrer Verteidigung nur auf ihre Zähne und Fäuste angewiesen waren, und die höchstens nach dem ersten besten Stein griffen, um damit zu werfen oder zu schlagen. Im Laufe der Jahrhunderte lernten sie erkennen, daß Steine ihnen auch in anderer Beziehung bei der Verrichtung ihrer Arbeit dienstbar sein könnten. Der Feuerstein, welcher sich durch Schlagen leicht in scharfe Splitter teilen läßt, erwieß sich für ihre Zwecke als besonders geeignet und lieferte ihnen daher die ersten Werkzeuge und Waffen. Alle diese Werkzeuge der paläolitischen Steinzeit waren recht grob und roh. Ich habe viele solcher Steine in den Händen gehabt, an denen man die primitive Art der Zuarbeitung deutlich erkennen konnte. Die Nahrung jener Urmenschen bestand wohl ausschließlich aus Früchten und Pflanzenstoffen, da ihnen zum Erlegen des Wildes die Waffen fehlten.

Mesolitische Steinzeit

(20 000 bis 7 000 Jahre vor Christi)

Da die Funde aus der mittleren Steinzeit, die an den Uferenden zwischen dem Schlüdenschen Grunde und dem Kachau gemacht wurden, zum großen Teil aus steinernen Lanzen- und Pfeilspitzen bestehen, so darf man daraus schließen, daß jene Bewohner sie benutzten, um damit den Anforderungen der Jagd zu genügen. Neben der Wurflanze waren zweifellos schon Bogen und Pfeile als Schußwaffen vorhanden. Man verstand sich sogar darauf, Geräte aus den Knochen der erlegten Tiere herzustellen.

Neolitische Steinzeit

(7 000 bis 2 500 Jahre vor Christi)

Die sehr reichen Funde aus der jüngeren Steinzeit in den Feldern des Kachaues bis zum eigentlichen Weichbilde der Stadt zeigen wieder einen immensen Fortschritt gegenüber der mesolitischen Zeit. Lebten die Vorgänger zumeist wohl nur als Höhlenbewohner, und auch nur familienweise beisammen, so traten nun Siedlungen auf, an deren Spitze ein Häuptling stand. Als die ergibigsten Fundstätten dieser Periode sind daher die Tumuli – Begräbnisstätten – zu bezeichnen, wie sie die Umgegend von Arneburg in großem Maße aufzuweisen hatte. Die steinernen Geräte dieser Zeit verraten eine weit größere Sorgfalt der Anfertigung, als die der älteren Perioden, da sie nicht mehr so rauh zugehauen, sondern geglättet, abgeschliffen und z. T. sogar poliert sind. Alle diese Funde bestanden aus Steinäxten, Steinbeilen, Lanzenspitzen, Bohrern, Schabern, Messern und dergleichen.

Bronzezeit

(2 500 bis 900 Jahre vor Christi)

Die Felder zwischen dem Kachau und dem Schlüdenschen Grunde enthielten aber auch Gegenstände aus der Bronzezeit, d. h. derjenigen Periode, in welcher die Menschen von der Benutzung der Steinwerkzeuge abkamen und zur Herstellung von aus Bronze gefertigten Werkzeugen übergingen, da sie erkannt hatten, daß das Metall sich zur Verfertigung von Waffen und Gerätschaften weit besser eigne, als Knochen und Steine. Diese Bronzewerkzeuge machten wohl der Steinzeit ein schnelles Ende, denn es war mit ihnen dem Menschen eine Waffe in die Hand gegeben, durch die er einerseits dem Tiere viel besser nachstellen, und andererseits seinem menschlichen Gegner gegenüber bedeutend besser zur Wehr setzen konnte.

Die Funde bestanden z. B. aus Schwertern, Speer- und Pfeilspitzen, Beilen usw. An Schmucksachen seien erwähnt: Armringe, Nadeln, Fibeln, Agraffen, die z. T. sehr reich verziert waren. Waffen und Schmuckgegenstände fanden sich fast ausschließlich an den Begräbnisstätten vor, denn die Toten wurden mit allen Attributen ihres Ruhmes und mit ihren Schmucksachen beigesetzt. Die Bewohner dieser, wie auch der neolitischen Zeit haben ihre Toten sämtlich verbrannt, die Gebeine zerkleinert und größtenteils in Tongefäßen (Urnen) meist in Hügeln (Tumuli) bestattet und die vorerwähnten Gegenstände dann hinzugetan. Die Urnen stellten jene Bewohner aus Ton, Mergel und gestampftem Glimmer her und erhärteten sie dann im Feuer. Anzunehmen ist, daß die Funde der Bronzezeit von einem Volke herrühren, das die Bewohner der Steinzeit aus seinem Sitze verdrängt hat. Als Wohnstätten dienten den Menschen dieser Periode schon Hütten aus Schilf oder Gras, eng beieinander erbaut

La Tene– Zeit (Eisenzeit)

(900 bis 50 Jahre vor Christi)

Alsdann seien Funde aus der älteren und jüngeren la – Tene – Periode (Zeit des Auftretens des Eisens) erwähnt, die in einem fast gänzlich ausgebeuteten Gräberfelde bei Rudolfital (westlich von Arneburg) bzw. in einem großen Gräberfelde auf der Westseite des Galgenberges in unmittelbarer Nähe des jetzt verfallenen Judenfriedhofes gemacht wurden. Die Funde dieser Zeit (Urnen und Gefäße) enthielten Beigaben in reichem Maße (z. B. Schmuckgegenstände, Beigefäße u. a.). Vom Ostabhange des Galgenberges bis zum hohen Elbufer (also in der Nähe der früheren Ziegelei) zieht sich ein alter Wohnplatz dieser Zeit hinab. Ein anderer sehr ausgedehnter Wohnplatz erstreckt sich längs der Chaussee nach Stendal (nördlich) bis zur Domäne Bürs (ca. 1 400 m). Die Bevölkerung dieser und der nachfolgenden Perioden erbaute sich bereits Wohnungen (Hütten) aus gebranntem Lehmpatzen, d. h. aus Lehm, der mit Stroh oder dünnen Stäbchen durchsetzt und dann gebrannt wurde. Viele solcher Lehmpatzen sind bei den Ausgrabungen zutage gefördert worden. Auch die Bevölkerung der la – Tene – Zeit verbrannte ihre Toten und setzte diese in Urnenfeldern bei. Außerhalb der Urnen liegende Waffen, Schmucksachen pp. der la – Tene – Periode sind fast nicht mehr zu entdecken gewesen, da das Eisen durch Rost und Witterungsverhältnisse angegriffen, allmählich zerfallen ist.

Alle diese letztgenannten Funde auf den weit ausgedehnten Gräberfeldern beweisen, daß die Bevölkerung nicht einem umherziehenden Nomaden- oder Jägerstamme angehört hat, sondern daß sie seßhaft gewesen sein muß. Wohl ohne Zweifel war es schon ein germanisches Volk, und zwar das der Longobarden, das zu dem großen germanischen Völkerbunde der Sueven gerechnet wurde.

Römische Kaiserzeit

(50 Jahre vor bis 400 nach Christi)

In einem ziemlich großen Gräberfelde am Westabhange des Galgenberges sind viele Funde aus der römischen Kaiserzeit enthalten gewesen, ebenso aus der Zeit der

Völkerwanderung

(400 bis 900 Jahre nach Christi)

Eine ganze Reihe sehr wertvoller Stücke ist bei der erst vor einigen Jahren erfolgten Anlage von Spargelplantagen auf diesen Gräberfeldern zerstört worden. Aber Herr Pfarrer Kluge hat glücklicherweise vorher, als die Felder noch Ödland waren, gerade aus der römischen Kaiserzeit eine ganze Menge prachtvoller Stücke geborgen und sie dem altmärkischen Museum in Stendal geschenkt. Leider hat dieses Museum einen Teil der schönen Funde in neuester Zeit an ein Museum in Mainz verkauft, während andere Stücke den Museen in Berlin zugeführt wurden.

Am interessantesten an Ausgrabungen ist, wie aus den obigen Ausführungen schon erhellt, die Gegend südlich der Stadt und zwar in der Nähe des Galgenberges, sowie zwischen dem Schlüdenschen Grunde und dem Kachau. Hier sind also unstreitig die meisten prähistorischen Wohnplätze bzw. Begräbnisstätten nachgewiesen worden.

Wendenzeit

(800 bis 1100 Jahre nach Christi)

Über die Elbe kommend waren alsdann nach der Völkerwanderung in die von den deutschen Stämmen verlassenen Gegenden die Wenden von Osten her vorgedrungen und hatten sich in der östlichen Altmark festgesetzt.

Die Felder vom Kachau bis zum Dorfe Billberge enthalten weit ausgedehnte Wohnplätze aus der Wendenzeit. Im Kachau selbst lag das frühere Wendendorf gleichen Namens. In ihm sind allein durch Pfarrer Kluge 35 Herde durchforscht. Er hat bei seinen Grabungen den Eindruck gewonnen, daß das Wendendorf Kachau sein Ende nicht durch gewaltsame Zerstörung mit fluchtartigem Abzuge der Bewohner gefunden haben kann, denn er fand in jenen Herden keine vollständig erhaltenen Gefäße, sondern nur Bruchstücke von solchen und verschwindend wenig Geräte, was bei fluchtartigem Rückzuge der Einwohner insofern nicht der Fall gewesen wäre, als man Töpfe, Hausgeschirr und dergleichen einfach im Stiche gelassen hätte. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Leute friedlich nach Arneburg verpflanzt worden und haben ihre gesamte Habe dorthin mitgenommen. Hier in Arneburg haben sie sodann als die in alten Chroniken bis in das vorige Jahrhundert öfter erwähnten Burgsassen, des sogenannten Angers gewohnt.

Der Zeitpunkt des Verschwindens des Dorfes Kachau steht nicht fest. Es ist immerhin anzunehmen, daß die wendische Einwohnerschaft um das Ende des 10. Jahrhunderts (etwa 975) sich in den Bereich der inzwischen angelegten und zum festen Platze gewordenen germanischen Burg Arneburg begab, um sich dicht unterhalb derselben niederzulassen und hier vor Gefahren sicher zu sein. Bei dem jahrhundertelangem Zusammenleben der germanischen und slawischen Stämme im Grenzgebiet der Elbe dürfte das durchaus möglich sein, denn die Stämme waren durch Blutsvermischung sicher nicht mehr reinrassig geblieben. Daher darf es auch nicht Wunder nehmen, daß die Wenden des Dorfes Kachau sich aus irgend einem Anlaß kurzer Hand in den germanischen Machtbereich begaben, entweder, weil sie hier wohl in Bezug auf Verteidigung usw. eine Überlegenheit ihnen gegenüber deutlich genug herausfühlten, oder weil sie bereits stark germanisiert waren.

Am Schlüdenschen Grunde, in dem so viele Funde von Bedeutung gemacht wurden, lag das alte Wendendorf Schlüden (sluden). Es wird urkundlich noch 1384 als "Hof" genannt. In späteren Sätzen werde ich darauf noch zurückkommen. Auch von diesem Orte ist nicht einmal mehr ein Mauerrest geblieben. Des Landmannes Pflug geht über seine Stätte hinweg. Nur in der Sage allein lebt der Ort weiter. Diese erzählt, daß an jener Dorfstätte noch heute um die mitternächtliche Stunde ein Kater ohne Kopf "umgehen" soll, als Sinnbild des toten Dorfes.

Die Anlage dieser wendischen Dörfer hart am Ufer der Elbe und zwar am steilen Abhange, mag auch ihren Grund darin haben, daß die Wenden nach Überschreitung der Elbe von Osten her bereits vor der Zeit der Völkerwanderung hier jahrhundertelange erbitterte Kämpfe um das linke germanische Elbufer führten und dann schließlich dicht an demselben sitzen blieben.

Große wendische Opfersteine aus Granit sind am Uferrande aufgefunden worden. Leider ist eine ganze Anzahl solcher Steine teils aus Unwissenheit, teils aus Gründen der Sparsamkeit im Laufe der letzten Jahrzehnte gesprengt und zum Häuserbau verwendet worden. So z. B. lieferte ein nördlich der Stadt Arneburg ausgegrabener riesiger Opferstein allein 6 m³ Baubruchsteine.

Die Wendenzeit ragt schon in die Zeit des Christentums hinein, denn die Wenden führten, wie aus den nachfolgenden Ausführungen hervorgeht, erbitterte Kämpfe gegen die Einführung der christlichen Lehre.

 

 

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Von der historischen Vergangenheit

A r n e b u r g s

bis zur gegenwärtigen Zeit.

 

(Nach der Jahresfolge geordnet.)

 

  1. Kapitel

925 – 1925

 

 

Anmerkung: Alle hierin genau mit Daten angegebenen Ereignisse, wie Stiftungen pp. stützen sich auf amtliche Urkunden, die, soweit sie nicht im Anhange in Abschrift wiedergegeben sind, sich in Riedel "Codex diplomaticus Brandenburgensis, Band 6, Seiten 184 – 231" vorfinden.

Ach es ist in Staub gesunken

All der Stolz, die Herrlichkeit;

Brüder, daß ihr letzter Funken

Nicht erstirbt in dieser Zeit.

Laßt uns hier ein Bündnis stiften

Uns´re Vorzeit zu erneu´n

Aus den Grüften, aus den Schriften

Ihre Geister zu befrei´n

M. v. Schenkendorf

Kartenskizze des Belkesheimer- oder Balsamgaues nach dem Stande des Jahres 1030.

(Aus v. Raumer, Historische Karten zu den "Regesta Historiae Brandenburgensis" 1837.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die in rot gezeichnete Elbe bildete die Grenze zwischen Germanen und Wenden.

Zu den Städten der Altmark, deren Erwähnung bis in die früheste Zeit zurückgeht, gehört Arneburg. Der Ort ist im vormaligen Belxa pagus, dem Belkesheimer- oder Balsamlande gelegen. (Siehe Karte Seite 23.)

Ortsname

Über die Entstehung des Ortsnamens bestehen 4 Möglichkeiten:

    1. daß die Römer, die unter Claudius Drusus Nero
    2. etwa 9 v. Chr. das Land bis zur Elbe erobert hatten, hier eine Befestigung anlegten und dieser den Namen castellum aquilarum (siehe Seite 28/29, Statio = Standort, Feste, und aquila = Adler, Steinadler), folglich Adlersburg gaben. Diese Bezeichnung konnte nun eine zweifache Ursache haben, denn erstens war der Adler den Römern das Symbol der Stärke und Schnelligkeit, was auf die Burg bzw. ihr Besatzung angewandt, durchaus zutreffend gewesen sein mag, und zweitens konnten die Römischen Legionen die von ihnen als Heiligtümer mitgeführten, auf hohen Stangen stehenden goldenen Adler hier als Zeichen des Sieges der römischen Weltmacht aufgestellt haben und so zu der Bezeichnung statio aquilarum, dem Standort der Adler gekommen sein.

    3. daß der Ursprung des Ortsnamens Arneburg von Arndt, der niedersächsischen Bezeichnung für Adler herstammt, also auch Adlersburg bedeutet. Diese Annahme wird von Beckmann (Historische Beschreibung der Chur- und Mark Brandenburg 1753) vertreten, der die Vermutung ausspricht, daß in dieser Gegend "vor Zeiten" viele Adler – Stein- oder Seeadler – vorhanden gewesen seien, die auf dem steilen Burgberge horsteten. Diese Adler hätten auch den Anlaß zum märkischen Wappenadler gegeben.
    4. daß der Ortsname von Adlersburg – Adlersfeste – insofern herrühre, als daß die germanische Arneburg auf steiler Anhöhe gelegen als uneinnehmbar galt und somit einem Adlerhorste glich.
    5. daß der Ort nach einem Grenzgrafen Arno genannt wurde, der um das Jahr 924 in der Gegend der Arneburg regierte oder gar auf derselben seinen Wohnsitz hatte und daß sie daher ursprünglich Arnoburg hieß. In späteren Urkunden findet sich wiederholt der Name Arnoburg vor, vielleicht aber auch nur in lateinischer Casusform von Arneburg (Arnoburg, Arniburg). Für diese Annahme spricht allein der Umstand, daß es zu jener Zeit öfter vorgekommen sein soll, daß den Burgen und sogar den Städten der Name ihres Besitzers beigelegt wurde. Als Grenzgrafen an der Elbe werden allerdings die Grafen Arno und Thitmar – siehe bei 980 – erwähnt, die unter dem deutschen Könige Heinrich I etwa 924 an der Elbe ansässig waren.

Daß das Castell Arneburg schon vor der erst im Jahre 924 erfolgten eigentlichen Gründung einer Feste gleichen Namens bestanden haben kann, ist durchaus wahrscheinlich, denn die über die Elbe westwärts vorgedrungenen Wenden, die sich bei Arneburg niedergelassen hatten, könnten diesen von der Natur der Verteidigung geschaffenen Stützpunkt gleichsam als Brückenkopf genutzt haben. Für diese Tatsache spricht die Vermutung, daß ein um 882 hier lebender Wendenfürst Wulf von Arneburg der Stammherr des in späteren Sätzen erwähnten Geschlechtes der Woldeck von Arneburg gewesen sein soll.

Jedenfalls sprechen drei Möglichkeiten für die Entstehung des Ortsnamens aus A d l e r s b u r g und nur eine für die Herleitung aus Arnoburg.

Mag es nun dahingestellt bleiben, ob die eine oder die andere Darstellung richtig ist. Unwiderruflich aber steht fest, daß es gerade die Arneburg war, von der aus der siegreiche Adler des Deutschen Reiches seinen Flug fortsetzen sollte bis zu den fernen, noch wenig oder gar nicht gekannten Wäldern und Sümpfen des Wendenlandes!

Ortswappen

Mit Bezug auf diese Deutungen des Ortsnamens sei hier zugleich das

Wappen der Stadt Arneburg

geschildert. Es stellt einen märkischen Adler über einer am Wasser gelegenen Burg dar. Die Farbe des Adlers ist rot mit goldenem Schnabel und ebensolchen Fängen, auch die Burg hat rotes Mauerwerk, während die Turmdächer grün erscheinen. Das linke Dach ist ein Satteldach, eine Klosterhaube, die mit 2 goldenen Knäufen verziert ist; das rechte Spitzdach ist eine Burghaube, die ein goldener Knopf schmückt. Im söllerbekränzten offenen Burgtore wird das aufgezogene Fallgatter sichtbar, das unterhalb der Burg fließende Wasser – Blau – deutet auf die nahe Elbe hin.

Schreibweise

Außer der jetzigen Schreibweise des Ortsnamens findet man in alten Urkunden folgende vor:

arnaburch 980

Arniburg 997

Arnoburg 997

aernaburch 1006

Arneborch 1323

Arnneborch 1324

Arneborg 1329

Arnburg 1334

Arneburch 1338

Arnborch 1352

Arnborg 1352

Arnenburg 1384

Arnenborch 1384

Arnburgk 1423

Arneborgh 1459.

Gründung

Sicherlich handelt es sich bei der Arneburg, abgesehen von ihrer natürlichen Lage, um einen prähistorischen Rundwall, oder wenigstens Halbrundwall, den die Altvordern anlegten bzw. ihren Zwecken nutzbar machten. Man ist bei der Erforschung der Rundwälle vielfach auf Zweifel gestoßen hinsichtlich ihrer Erbauer. Manche Forscher halten sie für germanischen, römischen und auch slawischen – wendischen – Ursprungs. Diesen Zweifel glaubt Virchow nach Untersuchungen dadurch zu sprengen, daß sich auf fast allen solchen Wällen durchweg Gefäßscherben slawischen Ursprungs fanden und sie daher als von Slawen angelegte Bauten erklärte. Ich möchte bezüglich der Arneburg anderer Meinung sein, denn obwohl man in der weiteren Umgebung der Burg zahlreiche Gefäßscherben wendischen Ursprungs fand, hat sich doch innerhalb des Burgwalles selbst nicht ein solcher nachweisen lassen. Wie über die Erbauer, so herrscht auch über den Zweck der Rundwälle eine große Meinungsverschiedenheit. Kaum ein Gegenstand der Altertumsforschung hat ein solches Interesse hervorgerufen wie dieser. Die sonderbarsten Deutungen sind zutage getreten; mit allen möglichen Hypothesen hat man sich abgemüht. Theologen sind von je her geneigt gewesen, diese als Kulturstätten zu erklären. Militärs wiederum haben sie als strategische Werke angesehen, andere meinen, sie wären Opferstätten der Heiden gewesen. Aus den nachfolgenden Artikeln geht bezüglich der Arneburg aber mit aller Deutlichkeit hervor, daß allein das strategische Moment zutrifft, denn die Burg oder deren Wall waren ursprünglich lediglich Grenzfeste gegen anstürmende slawische Völkerscharen.

Welche Völker nun auf der das Elbufer stattlich überragenden Höhe des Burgberges vor dessen Besiedlung gewohnt haben, läßt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden, zuletzt waren es vermutlich die Wenden. Jedenfalls haben die Alten die strategische Lage des Burgberges bei der Verteidigung des Landes auszunutzen verstanden.

Johann Göhl, von 1712 – 1756 Pfarrer in Arneburg, sagt in der dortigen Kirchenchronik:

"Auszug aus M. Christophori Entzelts, Pfarrers zu Osterburg 1579 Chronika: "Zur Erhaltung der Lande an der Elbe bauet Claudius Drusus Nero, der Bruder Tiberii, viel castellla, als Castellum Ragusi = Rogätz, Castellum Taganae = Tangermünde, Castellum aquilarum = Adlersburg, Arneburg, Castellum Vari (von Varus hergeleitet, d. Verf.) = Werben. Also ist Arneburg zur Zeit Christi entstanden." (Siehe auch Entzeltsche Chronik No. 35 – 1579 -, veröffentlicht vom Verein für Geschichte der Mark Brandenburg.)" Nach demselben Chronisten (siehe auch bei Beckmann 1753) soll Claudius Drusus Nero nach der Eroberung des Landes der Herr der jetzigen Altmark gewesen sein und seinen Sitz auf der Burg Gladigau gehabt haben, die nach ihm – Claudius – Castellum Clodii genannt wurde.

Auch Reinhardt spricht um 1800 in seinem Werke "Über die Altmark" die Vermutung aus, daß die Römer die Arneburg angelegt haben könnten. Immerhin mag richtig sein, daß diese unter Drusus im Jahre 9 v. Chr. vom Rheine her bis an die Elbe vordrangen und hier verschiedene Castelle angelegt haben. Es muß aber angenommen werden, daß sie sich lediglich auf die Befestigung des Burgberges durch Schanzungen, Anlage von Wällen usw. beschränkt haben, ohne indessen Baulichkeiten anzulegen, zumal sie vielleicht nicht mit einer Niederlassung von längerer Dauer rechneten. Den ähnlichen Fall finden wir bei Ritner – 1651 – bezüglich Tangermünde, der in seinem "Alten Geschichtbuche" den Standpunkt vertritt, daß die der Arneburg benachbarte Feste Tangermünde bereits durch Drusus als Burgwall angelegt wurde, während der Deutsche König auf diesem Wall im Jahre 803 ein Schloß erbaute und damit erst die Siedlung begann. Daß die Römer in unserer Gegend gewesen sein müssen, beweisen die noch in den letzten Jahrzehnten in großer Zahl gemachten Funde aus der Römischen Kaiserzeit (siehe Vorgeschichte). Daraus muß folgerichtig erscheinen, daß die von der Natur bezüglich ihrer Lage besonders begünstigte Burg in ihrer ersten Befestigung durch einen Halbrundwall ein römisches Castell war und somit Entzelts Behauptung zu recht besteht. Die Annahme, daß die Funde aus der Römischen Kaiserzeit als Handelsobjekte wendischer oder germanischer Völker angesehen werden könnten, ist durchaus nicht stichhaltig.

Um Mißverständnissen vorzubeugen möge also ausdrücklich bemerkt sein, daß es sich bei der Befestigung der Arneburg durch die Römer keinesfalls um die Anlage einer Siedlung – also eines Ortes – handelte, sondern, daß sich innerhalb der Wälle zu kriegerischen Zeiten nur provisorische Unterkunftsstätten – Zelte u. dergleichen – befanden. Faßt man die Kulturreste ins Auge, so ist eine ständige Ansiedlung von Menschen mit Wirtschaftsbetrieb und Vieh, die mit einem auch noch so kleinen Dorfe zu vergleichen wäre, durchaus nicht wahrscheinlich, denn es haben sich, wie gesagt, im Gegensatz zur näheren und weiteren Umgebung des Burgberges doch nur ganz winzige, wenn nicht gar keine prähistorischen Funde nachweisen lassen.

In der nachheidnischen Zeit sind die Burgwälle vielfach zu anderen Zwecken verwendet worden. Es lag auch bei der Arneburg recht nahe, daß diese inzwischen verlassene Stätte zur weiteren Benutzung aufforderte.

So sind denn Jahrhunderte vergangen, ehe im Schutze der vorhandenen alten Burgwälle die eigentliche Siedlung begann.

Germanen waren es, die hier eine ständige Warte anlegten. Burg und Stadt sind daher rein germanischen Ursprunges.

Urkundlich wird Arneburg erst bedeutend später – 981 – genannt. Ehe ich nun auf diese erste urkundliche Erwähnung Arneburgs komme, will ich zunächst etwas zurückgreifen.

Kaiser Karl der Große errichtete etwa

768

nach Christi eine Reihe von Bistümern zur Pflanzung und Ausbreitung des Christentums unter den heidnischen Völkern der Altmark. Er gründete im alten Sachsenlande die Bistümer Halberstadt und Verden. Die Grenze der beiden Sprengel ging mitten durch die Altmark. Der nördliche Teile gehörte zu Verden, der südliche, also auch die Gegend von Arneburg, Tangermünde usw. zum Bistum Halberstadt. In der Untereinteilung der Dioziöse Halberstadt wurde Arneburg zum Archidiakonat des Balsamgaues (bannus Balsamiae) gerechnet.

Entzelt (1579) berichtet nun an anderer Stelle seiner 75. Chronik:

"Carolus – Karl der Große – bawet (auf alten römischen Castellen) vornemlich an der Elbe Tangermünde, Arneburg usw. wider einfal der Wenden vber der Elbe in das landt Zermündt vndt Sachssen."

Dieser Angabe legen wir keine Bedeutung bei, und zwar in Anbetracht dessen, daß die Entzeltsche Chronik schon öfter als nicht ganz einwandfrei bezeichnet worden ist.

Wenn auch feststeht, daß Karl der Große seine Landesgrenzen durch Anlage von Burgen an der Elbe sicherte, und Magdeburg und Büchen unter ihm erbaut wurden, so wird jedoch Arneburg noch nicht erwähnt. Sollte damals eine Benutzung des alten römischen Castells tatsächlich stattgefunden haben, so kann dies jedoch nur in Zeiten Beunruhigung des Landes vorübergehend und ohne die Gründung einer Siedlung geschehen sein.

Als nach dem Tode Konrads I von Franken Heinrich I, ein Sohn Ottos des Erlauchten,

919

die Deutsche Kaiserkrone erhielt, brach für die Altmark eine neue Zeit an. Schwer umdrängt war das Reich von den Magyaren und Wenden. Im 5. Jahre der Regierung Heinrichs

924,

fielen die Ungarn in Deutschland ein und hausten schrecklich im Lande. Den Deutschen Kriegern gelang es, einen der ungarischen Häuptlinge einzufangen und auf die Burg Werla bei Goslar zum Kaiser zu bringen. Diesen Häuptling gab der Kaiser nicht eher wieder heraus, bis ihm die Ungarn einen Waffenstillstand auf 9 Jahre bewilligten.

Da die Widerstandskraft des Deutschen Kriegers stark geschwächt war, so war Heinrich darauf bedacht, während dieser 9 Jahre seine Kriegsleute durch fleißige Waffenübung und in erster Linie durch Ausbildung der Reiterei zur Kriegstüchtigkeit wieder neu zu erziehen, um den durchweg berittenen Ungarn später besser entgegentreten zu können. Um das Grenzland an der Elbe plötzlich Überfälle, in denen die Kampfesweise der Ungarn und der ihnen befreundeten Wenden in erster Linie bestand, zu sichern, legte er außerdem während der Zeit des neunjährigen Waffenstillstandes im Jahre

925

überall feste, mit Wällen umgebene Burgen an, die ihm den Beinamen "der Burgenbauer" einbrachten. Zu diesen Burgen gehörte auch die durch ihre hervorragende strategische Lage besonders wertvolle Arneburg.

Die Burgen aber erschienen den an Freiheit gewohnten Deutschen wie Gräber und sie hatten keine Lust, darin zu wohnen. Daher befahl Heinrich, unter seinen Kriegern zu losen und so mußte jeder 10. Mann in die Burg ziehen. Die anderen 9 aber hatten den Acker zu bestellen und den dritten Teil der Ernte in die festen Plätze zu bringen. Das geschah deshalb, damit das Landvolk, wenn es zur Kriegszeit in den festen Plätzen Schutz suchte – siehe Kachau – hier auf längere Zeit Lebensmittel vorfände. Die Leute in der Burg erhielten den Namen Bürger. Bemerkt sei, daß Heinrich die Ungarn nach Ablauf des Waffenstillstandes im Jahre 933 an der Unstrut vollständig besiegte.

Der Deutsche Kaiser Heinrich I, der Vogelsteller, auch der Burgen-bauer genannt, ist also der Gründer der Burg und des Ortes Arneburg.

Entzelt sagt dann weiter:

""""""""Weil nun Keyser Heinrich im werck war, das land befestigte, hielt er auch zu Arneburg eine grosse starcke besatzung auserlesener kriegsleute anno Christi 925 u. 926."

Da der Ort Arneburg bisher nicht erwähnt wurde, so ist als wahr-scheinlich anzusehen, daß sich die Einwohner der umliegenden Dörfer und Siedlungen – siehe Vorgeschichte Kachau – in den Bereich der Burg begaben, um gegen feindliche Angriffe in ihrem Schutze sicher zu sein. So erklärt sich die Gründung des jetzigen Ortes Arneburg am Fuße des s. Zt. stark befestigten Burgberges bald nach dem Jahre 925. Unmittelbar unterhalb dieses Burgberges entstand also zunächst ein Dorf (villa), das sich alsbald zum Flecken (villa cum foro) entwickelte, da in ihm bei zunehmender Vergrößerung Märkte abgehalten wurden. Dem Flecken legte man, wohl im Hinblick auf die überaus große Bedeutung des Ortes bald die Bezeichnung "Stadt" (civitas) bei. Ge-wöhnlich wurde mit der Erhebung des Ortes zur Stadt auch zugleich das Recht der Verteidigung, d. i. die Erlaubnis zum Bau einer Wehranlage erstellt. Die so entstandene Stadt war als Schutzstätte des Friedens gegen Feindes Überfall und Befehdung ihrem ureigensten Wesen nach eine wehrhafte Örtlichkeit. Abgesehen von der eigentlichen Burg, auf die ich später zurückkomme, umgab man deshalb die ganze Ortsanlage mit einer aus starken Bohlen bestehenden Plankenanlage (Palisadenwand), die in späterer Zeit – siehe bei 1005 – durch eine steinerne Mauer ersetzt wurde.

Über die Entwicklung der Stadt selbst fließen die Quellen nur recht dürftig. Aber schon in Urkunden von 981 und 1006, die gleich erwähnt werden, wird Arneburg bereits "civitatis" genannt. Es muß also mindestens 981 der Ort schon einige Jahrzehnte bestanden und einen solchen, wenn auch nach unseren Begriffen recht bescheidenen Umfang gehabt haben, daß man ihn überhaupt als Stadt bezeichnen konnte.

Hierbei möge bemerkt sein, daß Arneburg ein eigentliches Stadtprivile-gium niemals erhalten zu haben scheint. Jedenfalls ist ein solches nicht nachzuweisen. In der Stiftungsurkunde Stendals vom Jahre 1151 wird Arneburg schon zu den ältesten Städten der Altmark gerechnet.

Den Oberbefehl über die Burg und ihre Besatzung führte alsbald nach der Gründung ein Burggraf, der bei der Wichtigkeit des Ortes stets aus einer mächtigen Familie gewählt wurde. Um

970

finden wir den Grafen Bruno, einen mit dem Komitate belehnten Edlen und Verwandten des Kaisers Otto I als Eigentümer der Arneburg. Bruno beabsichtigte, seine heidnischen Nachbarn, die Wenden, nicht nur durch Waffengewalt, sondern auch durch Bekehrung zum Christentum zu unterwerfen. Daher stiftete er im Jahre

977

mit seiner Gemahlin Friederuna bei Arneburg ein Kloster, das der

heiligen Jungfrau Maria und dem Apostel Thomas geweiht war, als Augustiner-Mönchskloster. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand dieses Kloster auf dem, dem Burgberge gegenüber liegenden steilen Berge. Über seine Größe sind Angaben natürlich nicht mehr möglich. Wir müssen uns den jetzigen Hohlweg, der Burg und Kloster trennte, beträchtlich enger vorstellen. Auf jeder Seite können 15 – 20 m Erdboden hinzuge-dacht werden, so daß an der Stelle des einsam am Burgabhange liegenden Gehöftes sich nur eine sehr schmale Schlucht ergibt.

Diese zweimal 15 – 20 m Boden sind im Laufe der Jahrhunderte z. T. selbst zu Tal gerutscht, z. T. zur Verbesserung des Fahrweges im Hohlwege abgetragen worden. Über diese schmale Schlucht hat jedenfalls eine Holzbrücke geführt, über die sich die Klostermönche bei drohender Gefahr vor wendischen Überfällen retteten, einen Teil derselben nach der Überschreitung aufzogen, und sich in der sicheren Burg befanden.

Bei einer im Juli 1922 durch unseren bekannten Forscher, Pastor Kluge, und mich vorgenommenen Exkursion konnten wir das Vorhandensein von Topfscherben und Tierknochen an der Stelle des ehemaligen Klosters feststellen, die vermutlich einem "Kökenmöllinger", wie der Schwede sagt, also einem Küchenabfallhaufen des Klosters ent-nommen wurden. Da keinerlei sonstige menschliche Wohnstätten auf jener Höhe nachgewiesen werden konnten, ist anzunehmen, daß wir es in der Tat mit Überresten aus dem Kloster zu tun hatten. Die Existenz des Klosters ist auch aus dem Stadtwappen ersichtlich, denn dieses zeigt, wie wir bei seiner Beschreibung gelesen haben, nebeneinander die Burghaube und die Klosterhaube, beide durch ein Tor verbunden, durch das die Elbe sichtbar wird.

Das neu gegründete Kloster nimmt der Kaiser Otto II nach dem Tode des Stifters Bruno in seinen weltlichen Schutz (mundiburdium). Diese geistliche Stiftung war die älteste in der Altmark. Ausgestattet wurde das Kloster seitens des Stifters mit der Hälfte der Stadt Arneburg und dem dazu gehörigen Besitze und mit dem Einkommen aus einer ganzen Reihe umliegender Ortschaften (Unna = Sanne, Rondestorp = Rindtorf usw.). Das bald mit Mönchen besetzte Kloster kommt auf Veranlassung Ottos II unter den geistlichen Schutz des Papstes Benedict VII, der ihm in einem "Breve" vom Jahre

984

bestätigte. Der Papst bekundete darin, daß Kaiser Otto zu ihm nach Rom gekommen sei und mitgeteilt habe, daß er das zu Ehren der heiligen Maria und des Thomas gegründete Kloster zu Arneburg in der Grafschaft Thitmars an der Elbe in seinen kaiserlichen Schutz – mundiburdium – genommen habe. Er zählte dann die Ausstattung des Klosters mit Einkünften auf. Dies habe er – der Kaiser – den Papst zu bestätigen gebeten und daher gäbe Benedict dem Kloster dieselben Privilegien, welche andere in dortiger Gegend unter des Kaisers Schutz stehende Klöster genössen und spreche ihm alle Rechte und Freiheiten solcher Stifte zu. Unter anderem gestatte er dem Konvente die freie Abtswahl, ordne jedoch an, daß das Kloster der Aufsicht des Bischofs von Halberstadt unterstehe. Dieser sollte es, wenn nötig reformieren, aber die Stiftung von ihren Diensten frei lassen. Die Vögte des Klosters müßten zunächst aus dem Geschlechte des Stifters gewählt werden. Sollten diese aber irgendwie Gewalt anwenden, so sollten sich die Mönche einen ihnen günstigeren Vogt erwählen.

In dieser Urkunde von 984, von der sich ein Kopiar im Staatsarchiv zu Magdeburg befindet, wird die Stadt Arneburg – civitas – zum erstenmal urkundlich genannt. Da ihr der die Zeitbestimmung enthaltende Schluß fehlt, so läßt sich ihr Ausstellungsdatum nicht genau angeben (siehe Anhang Urkunde 1).

Auf dem Zuge nach Paris unter Kaiser Otto II starb der Stifter des Klosters, Graf Bruno, im Kampfe gegen die Westfranken den Heldentod am 30. November 977 "lobenswert befunden in allen Dingen", wie der Bischof Thitmar ihm rühmend nachruft. Dieser Bruno – Brun comes Harneburggensis – war der erste Altmärker, der kämpfend gegen Paris zog (v. Raumer, Regesta historiae Brandenburgensis Seite 56).

Aus dem Umstande, daß an der Grenze des Wendenlandes zu damaliger Zeit eine solche Stiftung überhaupt in´s Leben gerufen werden konnte, geht deutlich hervor, daß die 924 angelegte Burg bereits eine solche Stärke hatte, daß der Konvent ihr anvertraut und das Kloster unter ihren Schutz gestellt werden konnte.

Wie aus der genannten Urkunde ferner hervorgeht, gehörte die Gegend von Arneburg zu jener Zeit zu der Grafschaft des Grenzgrafen Thitmar, der über die freien Landeigentümer in jener Gegend und wahrscheinlich im ganzen Gau Belxem die Gerichtsbarkeit im Namen des Kaisers ausübte. Hierzu sei bemerkt, daß im ganzen Deutschen Reiche alle freien Landbe-sitzer, gleichviel, ob sie über große oder kleine Ländereien verfügten, ursprünglich allein der Gerichtsbarkeit der Könige und Kaiser unter-worfen waren. Da diese aber nicht selbst überall die Gerichte halten konnten, so ließen sie ihre Gerichtsbarkeit durch Grafen ausüben. Das ganze Reich war daher in Gerichtsbezirke eingeteilt, die Grafschaften hießen.

Bezüglich der Kriegsgliederung bestand im ganzen Reiche eine andere Einteilung. Mehrere Gaue zusammen hatten einen gemeinschaftlichen Heerführer, der größtenteils Markgraf oder Herzog genannt wurde. Die Markgrafen waren kaiserliche Vorgesetzte hauptsächlich solcher Landschaften, die benachbarten unbezwungenen Völkern durch Eroberungen abgenommen, oder solcher Gegenden, die den Einbrüchen fremder Völker ausgesetzt waren.

Unter dem Markgrafen Dietrich, der die Mark im Auftrage des Kaisers Otto II regierte, erfolgte im Juni des Jahres

983

ein gewaltiger Wendenaufstand, den er durch seine Strenge und seinen Übermut heraufbeschworen hatte. Die wendischen Scharen stürmten über die Elbe und verheerten mordend und brennend sämtliche Städte und Dörfer von Havelberg bis an den Tangerfluß. Furchtbar wild hatte der Völkerkampf zu jener Zeit um die Arneburg getobt. Oft haben in tiefer Nacht die Wenden sich bis zu den Wällen der Burg herangeschlichen. Dann rissen sie die Palisaden aus der Erde und schleuderten mit starkem Arme die Brandfackel in weitem, feurigen Bogen auf die Holzdächer der Arneburg. In großen Massen erkletterten die Feinde den steilen Burgwall und gingen dann im ungleichen Kampfe mit Pfeilen und Wurfkeulen, Schleudern und sonstigem Kampfgerät damaliger Zeit gegen die Burgbesatzung zum Angriff vor. Aber die Burg hielt stand. Dann zogen die Sachsen unter dem Markgrafen Dietrich, unterstützt vom Erzbischof Giselher von Magdeburg den Wenden entgegen. Am Tangerflusse bei Tangermünde stellten sie 30 Legionen Wenden zum Kampfe. 30 000 Mann wurden von den ergrimmten Sachsen erschlagen, der Rest entkam. So war die Gegend von Arneburg gerettet. Aber das jenseitige – ostelbische – Land war der Deutschen Herrschaft und damit der Kirche verloren gegangen. Markgraf Dietrich wurde abgesetzt und der Graf Lothar von Walbeck trat an seine Stelle.

Sobald die Wenden sich von ihrem Mißgeschick am Tangerflusse erholt hatten, gingen sie erneut zum Angriff vor. Wieder war Arneburg die wichtigste Festung zur Verteidigung der Deutschen Heimat. Aus diesem Grunde kam im Jahre

997

der Kaiser Otto III. persönlich hierher, um an Ort und Stelle die Widerstandsfähigkeit der Arneburg in Augenschein zu nehmen und Burg und Stadt durch seine Krieger noch stärker befestigen zu lassen. Er verweilte die erste Hälfte des Monats Juni 997 in Arneburg, wo er unter anderem am 5. und 13. Juni Urkunden für das Erzstift Magdeburg ausfertigen ließ. – Am 5. Juni bekundet der Kaiser einen zu Arneburg mit dem Erzstifte Magdeburg getroffenen Gütertausch, am 13. Juni vereignet er hierselbst dem Erzstifte Magdeburg das Burgwardium Nirechowa, einen jetzt wüsten Ort in der Nähe von Arneburg. –

Oh hätte der jugendliche Held hier länger verweilt! Aber es zog ihn der lockende Traum von römischer Kaisergröße nach dem Süden, wo er auf der Burg Paterno im Albanergebirge an Fieberphantasien von der Welt Abschied nehmen sollte. Bei seiner Abreise nach dem Süden ließ der Kaiser den in seiner Begleitung gekommenen Erzbischof Giselher von Magdeburg, gegen dessen Kirche er sich, wie eben gesagt, während des Arneburger Aufenthaltes sehr freigiebig erwiesen hatte, hierselbst zurück. Giselher sollte 4 Wochen lang, bis zur Ankunft eines neuen Verteidigers, des Markgrafen Lothar – Liuthar – von Walbeck die Burg halten und die Feste verteidigen. Der Erzbischof hatte inzwischen viel unter den Anfeindungen seiner wendischen Nachbarn zu leiden. Von ihnen zu ihrem Landtage eingeladen, begab er sich ohne Mißtrauen, oder gar um seine Furchtlosigkeit zu beweisen, am 2. Juli 997 mit geringer Begleitung zu den Wenden, während ein Teil seiner Leute schon voraufgezogen waren und der Rest seiner Mannen in der Burg zurückblieb. Schon bald nach dem Auszuge aus der Feste meldete ihm plötzlich einer der Seinigen, die Wenden brächen aus dem Walde hervor. Sofort entstand ein heftiger Kampf; der Erzbischof, der zu Wagen gekommen war, floh zu Roß mit verhängtem Zügel (equo alato), während wenige von den Seinen mit dem Leben davonkamen. Alsdann raubten die Wenden "siegreich" die Beute der Erschlagenen und klagten, daß ihnen der Erzbischof entwischt sei. Nur die Schnelligkeit seines Pferdes hatte ihm das Leben gerettet. Giselher verteidigte trotz der Schwächung seiner Streitkräfte die Burg auftragsgemäß während der Dauer von 4 Wochen. Aber wegen der Anschläge auf sein Leben war ihm die übertragene Burghut so verleidet, daß er, als die 4 Wochen verstrichen waren und Lothar noch nicht erschien, die Arneburg kurzerhand verließ. Unterwegs traf er mit Lothar zusammen und befahl ihm die Stadt und die Burg. Ehe jedoch Lothar einrücken konnte, hatten die Wenden schon die Burg erstürmt, die neuen Befestigungen zerstört und die Stadt angezündet. Als Lothar die brennende Stadt sah, suchte er den Erzbischof durch einen Botschafter vergeblich zur Umkehr zu bewegen. Dem Markgrafen gelang es nicht, des Feuers Herr zu werden, das an 2 Stellen hoch emporloderte, und, da die Wenden in großen Massen durch die offenen Tore eindrangen, mußte er trauernd zurückweichen und das brennende Arneburg dem Feinde überlassen. Er zog sich an den kaiserlichen Hof zurück, um sich hier wegen des Vorwurfes zu rechtfertigen, diesen wichtigen, seinem Schutze anbefohlenen Ort nicht gerettet, sondern verlassen zu haben. Den Wiederaufbau Arneburgs erlebte Lothar nicht.

Außer der Burg und der Stadt wurde auch das erst 977 gegründete Kloster bei dem Überfall der Wenden infolge des sonderlichen Verhaltens des Erzbischofs Giselher ein Raub der heidnischen Wenden, die es total zerstörten.

Die Wenden zogen jedoch merkwürdigerweise, nachdem ihnen die Verwüstung der Burg, der Stadt und des Klosters gelungen war, wieder ab.

Bald darauf ging die Arneburg in den Besitz des Deutschen Kaisers Heinrich II. über.

Im Jahre

1005

kam dieser nach einem Kriege gegen die Wenden an der Oder in die Nordmark und baute die zerstörte Arneburg zur Herstellung der durch den Mangel dieser Schutzwehr sehr verkümmerten Sicherheit der ganzen Altmark wieder auf.

Um die Verteidigungsmöglichkeit zu erhöhen, wurde ungefähr zu dieser Zeit der Ort anstelle der bisherigen Plankenwand – siehe bei 986 – mit einer etwa 3 – 4 m hohen Ringmauer umgeben, von der allerdings heute keine Spuren mehr zu finden sind. Fest steht nur, daß sie von der Burg, der Elbstraße bis zum Hohen Tore folgte, die Elbstraße außen liegen lassend, dann vom Hohen Tore durch die jetzige "Verschönerung" laufend das Sandauer Tor berührte und von dort zum Sperlingsberg führte, wo sie am steilen Abhange der Elbe endete. Reste des Walles, auf dem sie stand, finden wir noch in der Elbstraße im Garten des Herrn Sanitätsrats Dr. Mattusch und hinter dem Gasthof des Herrn Franke, ebenso noch an einigen Stellen innerhalb der Gärten zwischen dem Hohen- und dem Sandauer Tore. An allen anderen Punkten ist dieser niedrige Wall abgetragen und zur Gewinnung größerer Gartenflächen planiert worden. Man sieht, daß die Stadt durch die Ringmauer äußerst eingeengt war.

Die Anlage einer solchen Ringmauer war natürlich mit bedeutenden Kosten verknüpft. Daher konnten die meisten Städte bei ihrer damaligen Kleinheit die dazu nötigen Mittel kaum aus eigenen Kräften aufbringen. Darum gewährte der Landesherr solchen Städten gewöhnlich eine Beihilfe in Gestalt von zehn Freijahren d. h. er stellte sie frei von allen Abgaben. So wird es auch in Arneburg gewesen sein, denn Geld hatten die Arneburger nie. Die eigentliche Bauarbeit teilte sich stets zwischen "verstendigen verkhlüten" und der Einwohnerschaft. Die Ersteren führten den Bau selbst aus, während die Letzteren durch die Mauerbaulast zur Lieferung der dazu nötigen Materialien, wie Steine, Holz, Kalk, Sand und zur Stellung der Fuhren verpflichtet waren.

Die Arneburger Stadtmauer hatte nur 3 Tore. Dem Namen nach bestehen diese noch in der Gegenwart als das Hohe-, das Tangermünder- und das Sandauer Tor. Sie bilden noch heute die einzigen Zufuhr-straßen zur Stadt.

Die Mauer selbst – statmure – bestand jedenfalls nur aus Feld- oder Bruchsteinen, die durch Mörtel – kalgs und sandes – fest verbunden wurden. Auf der Mauerkrone erhoben sich einfache Zinnen von ansehnlicher Höhe und Breite, die zum Schmuck, hauptsächlich aber als Brustwehr, bei der Verteidigung dienten. Um den durch die Mauer schon an sich gebotenen Schutz noch zu verstärken, wurden mannigfache Zwischen- und Ausbauten dem Mauerringe eingefügt. Hauptsächlich waren es die über die Fluchtlinien der Mauer hervortretenden niedrigen Weichhäuser. - wichhus is eine where, die gebawet uf der stat muver, daz unbedackt ist. – Diese Weichhäuser dienten zum großen Teil zur Aufbe-wahrung der Wurfgeschosse – bilden - . Bei der hohen Bedeutung, die der Stadtmauer als bedeutendstem Schutz gegen feindliche Gelüste zukam, galt sie als unverletzlich. Die Stadtrechte verboten daher jede Zerstörung, Übersteigung pp. und drohten bei argen Verletzungen sogar die Todes-strafe an. Um nun die Mauer genügend beaufsichtigen zu können, aber auch um von jeder irgendwie verdächtigen Annäherung Kunde zu geben, war eine Mauerwache eingerichtet, die in der Regel aus den in städtischen Diensten stehenden Wächtern bestand.

Die alle Hauptzugänge zur Stadt deckenden Torbauten, bildeten einen weiteren und zwar sehr wesentlichen Teil der städtischen Wehr- und Schutzanlagen. Die eigentlichen Stadttore durchbrachen an geeigneten Stellen den festen Mauerring und vermittelten einzig und allein den Verkehr mit der Außenwelt. Schwere Torflügel aus dicken Eichenbohlen, mit starken Eisenbeschlägen, großen Schlössern und gewaltigen Ketten, die innen vorgelegt, und Balken die vorgeschoben wurden, hielten die Toröffnung sowohl bei Tage, wie bei Nacht, stets verschlossen. Dazu kam noch ein Fallgatter aus starken, unten zugespitzten Pfählen, die mit Eisen vorgeschuht waren, das in Mauerfalzen lief und sich durch eine Art Tretmühle schnell auf- und niederbewegen ließ. Der Zweck dieser Fallgatter war das Zerstampfen eindringender Feinde. Sein Vor-handensein wurde für so wichtig gehalten, daß es sogar einen wesentlichen Bestandteil des Wappens der Stadt Arneburg darstellte. Alle Tore führten besondere Namen, und zwar 2 nach den Orten, in deren Richtung sie lagen. Das waren das Tangermünder- und das Sandauer Tor. Ein Tor, und zwar das Hohe Tor nahm einen höheren Rang ein, als die anderen. Es wurde daher zum Haupttor. Es führte seine Bezeichnung nicht etwa seiner baulichen Höhe wegen, sondern, weil der Landesherr, oder gar der Kaiser, wenn er die Stadt mit seinem Besuche beehrte, durch dieses Tor seinen Einritt hielt.

Die Verfügung über die Stadttore stand allein dem Herrn der Stadt gewöhnlich dem Burgherrn, zu; nur mit seiner Einwilligung konnten Veränderungen daran vorgenommen werden. Die Torschlüssel waren stets in den Händen des Bürgermeisters, der öfter wegen des Schlüssel-rechtes mit den Stadtherren in Zwistigkeiten geriet.

Der Schutz der Tore war einer besonderen Mannschaft anvertraut, die sich aus dem Torwart, den Torwächtern und den Zuläufern zusammen-setzte. Das wichtigste Amt hatte der Torwart inne. Es bestand haupt-sächlich darin, daß er "der Pforten getreulich warten und die innere Tür jedesmal auf- und zutun, nicht lassen offenstehen und die Schlüssel am Tag verwahren sollte, daß keine Untreu damit widerfahre." Nur er allein war befugt, die kleine Durchgangstür, die in einem der beiden Torflügel angebracht war, und dem gewöhnlichen Fußgängerverkehr diente, den Durchlaßbegehrenden zu öffnen. Aber nicht zu jeder Tageszeit – die Nachtzeit war überhaupt ausgeschlossen – konnte man so wie heute in die Stadt hinein, und wieder hinausgelangen. Eine Verordnung schrieb ganz genau vor, zu welchen Tageszeiten dies gestattet war. Außer der Pflicht, die kleine Tür zu öffnen und wieder zu schließen, lag dem Torwart noch ob, auf jeden Aus- und Eingehenden ein wachsames Auge zu haben, ihm verdächtig vorkommende Personen anzuhalten und so lange zu verwahren, bis sie der Obrigkeit übergeben werden konnten. Man sieht, daß sein Amt gar nicht so leicht war und einen durchaus rüstigen und umsichtigen Mann erforderte.

Unter seinem Befehl standen die gedungenen Torwächter, die zur Bewachung des Tores, als Späher auf den Torzinnen und zur Bedie-nung des schweren Fallgatters bestimmt waren. Ihr Dienst war hart und anstrengend und verlangte körperliche Kräfte. Traten unruhige Zeiten ein, so wurde die gesamte Bürgerschaft abwechselnd zu diesen Dienstleistungen aufgeboten. Endlich gab es noch Zuläufer, "verordnete Leute", die den Torwart usw. unterstützen mußten.

Alle Verrichtungen zum Schutze der Stadt waren durch ausführliche, strenge Bestimmungen geregelt, die besonders in kriegerischen Zeiten an die Opferwilligkeit des Bürgers oftmals schwere Anforderungen stellten.

Die Stadtmauer sowohl, als auch die Türme, Weichhäuser und Tor-bauten Arneburgs sind leider gänzlich verschwunden. Sie wurden abgerissen als der Ort an kriegerischer Bedeutung verlor und ihr Material zur Erbauung von Wohnhäusern, auch Ergänzung der Kirche pp. verwendet. Ganz abgesehen davon, daß man bei der Wichtigkeit aller dieser Verteidigungsanlagen sich genötigt gesehen hat, Abbildungen von ihnen in das Stadtwappen Arneburgs aufzunehmen, wird ihr Vorhan-densein in Urkunden ausdrücklich und unanfechtbar festgestellt. Im Stadtwappen sehen wir die mit Zinnen versehene Stadtmauer, auf der der Burg- und der Klosterturm stehen, und ein Stadttor mit seinen Zinnen, in dem das aufgezogene Fallgatter deutlich hervortritt. Die im Jahre 1352 ausgestellte Urkunde Ludwigs des Römers gibt unstreitig Zeugnis von dem Vorhandensein mehrerer Stadttore, denn er befreit die Bürger Arneburgs von der Verpflichtung, Räuber, Mordbrenner und anderes Gesindel "außerhalb der Stadttore" zu verfolgen. Alles was vorstehend bezüglich der Ringmauer der Stadt mit ihren Verteidigungs-werken gesagt ist, fand selbstverständlich auch auf die Ringmauer der Burg, die gesondert von derjenigen der Stadt stand, ebenfalls Anwen-dung, vielleicht sogar in erhöhtem Maße.

Nach der bereits erwähnten Zerstörung des Klosters hatte sich der Geistliche Ziazo, der Sohn des Sifters Bruno, der Hälfte des Ortes und seiner Ländereien bemächtigt, während die andere Hälfte ein Graf Uneco inne hatte. Uneco war entweder noch mündig, oder sonst nicht für tauglich, befunden worden, den Schutz dieses hochwichtigen Grenzortes selbst zu versehen. Daher sieht man den Kaiser selbst sich zunächst der Sorge für die Verteidigung der Arneburg, wie seiner eigentümlichen Besitzungen annehmen. Kaiser Heinrich II. fand daher den Ziazo mit seinen Ansprüchen ab, brachte auch den anderen Teil, den Uneco inne hatte, an sich.

Am 7. April

1006

schenkt er nach der Verwüstung des Ortes und der Zerstörung des Klosters den ganzen Ort – Aernaburg – mit 160 Hufen Landes samt dem Augustiner-Kloster und der Burg zu seinem Seelenheile und um für alle erwiesenen Wohltaten nicht undankbar zu erscheinen, dem Erzbischof Tagino von Magdeburg zu freiem Eigentum. Er stellte nach der Schenkungsurkunde jedoch die Bedingung, daß der Bischof die zerstreuten Mönche des Klosters Arneburg, "die wie Schafe ohne Hirten in der Welt herumirrten", wieder sammeln, das Kloster selbst herstellen, und den Mönchen so viel Güter, als zu ihrem Unterhalte nötig wären, anweisen sollte. Zugleich erhielt der Bischof für sich und seine Nachfolger das Recht, die Pröpste des Klosters nach eigener Willkür zu ernennen; ferner wurde die Stadt mit ihren Zugehörungen von aller herzoglichen und gräflichen Gewalt befreit und das Erzstift Magdeburg zum alleinigen Herren derselben gemacht. Ebenso überläßt er dem Tagino und dessen Nachfolgern den Königsbann und alle Vorteile, welche der König von jenem Orte haben könnte. Zum Wiederaufbau des Klosters und zur Sammlung seiner Mönche scheint es jedoch niemals gekommen zu sein, denn es verschwindet vollkommen aus der Geschichte.

Mit dem Übergange der Güter des Stiftes Arneburg an das Erzbistum hatte zugleich der Besitz der gräflichen Familie von Arneburg völlig geendet. Die Festung wurde durch erzbischöflich-Magdeburgische Streitkräfte besetzt. Die alten Chroniken und Urkunden sprechen nun abwechselnd von dem castrum und der civitas Arneburg. Wenn man diese Unterschiede näher verfolgt, so könnte man zu der Schlußfolgerung kommen, daß der Besitz der gräflich Arneburgschen Familie sowie des geistlichen Stiftes und folglich auch der spätere Erwerb des Erzstiftes sich nur auf die Stadt bezogen hatte, während die Festung, das Schloß oder die Burg sich fortwährend im unmittelbaren Besitze des Reichsober-hauptes und seiner Markgrafen befand. Unklar bleibt diese Angabe immerhin, da man zu damaliger Zeit mit ziemlicher Oberflächlichkeit die Ausdrücke castrum und civitas gebrauchte, je sie sogar mit einander verwechselte.

Etwa zu jener Zeit ist auf dem Burgberge eine Burgkapelle gegründet worden, so daß man auf Grund der eben erwähnten Urkunde zu dem Schlusse kommen könnte, daß diese anstelle des nicht wieder erstandenen Klosters errichtet wurde. Sie führte den Namen "Unser lieben Frauen". Vermutlich ist diese Burgkapelle, die sehr geräumig gewesen sein muß, um 1012 erbaut, denn man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der im Nachsatze zur Urkunde von 1006 bezeichnete "große Dom" (siehe Entzeltsche Chronik) mit jener Burgkapelle gemeint ist. Der Nachsatz zu der Urkunde besagt nämlich nach dem Chronicon Pisturatum ad A 1012 von dem Erzbischof Tagino: "unde dusse Bischop begunde to buwen dussen grossen dom unde brachte to dem stichte also Arneborch, Frose, Prettyn unde Greven Isekens hove".

Der Hochaltar der Kapelle war der Jungfrau Maria und deren Mutter, der heiligen Anna geweiht.

Ein Herbsttag des Jahres

1012

Die Abendsonne ging in wunderbarer Glut zur Rüste, ein scharfer Wind wehte von Osten her über die weite Ebene gegen die Arneburg. Da verkündete der langgezogene Hernruf des Wächters auf der Burg, daß hoher Besuch nahte. Die Zugbrücke fiel hernieder, die Mannen schwangen sich eilig auf die wiehernden, stampfenden Rosse, laut schallte des Burggrafen Befehl zum Aufbruch über den weiten Burghof, und fort gings in eiligen Ritt über die Brücke, hindurch durch die mächtige Ringmauer und deren Wälle und hinab an den breiten Elbstrom. Näher und näher kamen die mächtigen, stattlichen Schiffe, getrieben vom Strom und vom Winde; endlich legten sie an, vornehme, edle Männer entstiegen den Schiffen, unter ihnen einer vor allen, ausgezeichnet durch Herrlichkeit und Ritterlichkeit, Kaiser Heinrich II., ehrfurchtsvoll begrüßt am Ufer von den Mannen der Burg. Auf den bereitgehaltenen Rossen gings im großen Zuge unter dem goldenen Schein der eben versinkenden Sonne der nahen Burg zu, wo der Kaiser mit all den Seinen sicheres, gastliches Quartier fand.

Heinrich II. war zu Schiffe von Merseburg nach Arneburg gekommen. Er wohnte mehrere Wochen im Schlosse der Burg, Zweck seiner Reise war die Verhandlung mit den Wenden über die Erhaltung des Friedens. Bald nach dem Tage der Ankunft nahte wiederum eine Schar Ge-wappneter der Burg Arneburg; Wenden waren es diesmal, vom anderen Ufer der Elbe, die Heinrich hierher geladen hatte. Nur die Vornehmsten wurden in die Burg gelassen und vor den Kaiser geführt. Demütig und mit gekreuzten Händen auf der Brust, wie es slawische Sitte war, erschienen die finster blickenden Edlen der Wenden vor dem Kaiser um dem Deutschen Reiche Gehorsam zu schwören. Finster schaute der Kaiser auf die sich tief verneigenden Wenden. Ernst klang sein Wort, Gehorsam von ihnen fordernd. Willig gelobten die Feinde die Treue, aber mit tiefem Haß im Herzen kehrten sie heim zu den Ihrigen. Sie hatten ein Gelübde abgelegt, das bald wieder durch wendische Treulosigkeit gebrochen werden sollte.

So vernahmen denn die Mauern der alten Arneburg jene feierlichen Schwurformeln, in denen man die wilden Geister des Krieges leider vergeblich zu bannen versuchte. Wie wenig die Slawen ihr Wort hielten, erhellt schon aus der Tatsache, daß die Leuticiern – ein Wendenstamm – bereits in den Jahren

1013 und 1014

gegen Burg und Stadt häufige erbitterte Angriffe richteten, bei denen viel sächsische Leute ihr Leben verloren.

Zweifellos sind durch die jahrelangen Verstöße der Feinde die Befesti-gungen, wohl auch die Baulichkeiten der Burg selbst arg mitgenommen worden, so daß sie dringend der Reparatur bedurften. Daher berichtet Entzelt, der den Kaiser Heinrich II. irrtümlich für den Sohn Heinrichs I. hält, in seiner Chronik von 1579, daß: "als die Wenden über die Elbe kommend die Altmark erneut beunruhigten; Kayser Heinrich der andere im Jahre

1018

die Mauern Arneburgens wieder befestigen ließ, als sein Vater zuvor auch getan, und hielt die starcke Besetzung wider die Wenden."

Was sich nun in den folgenden Jahrzehnten zugetragen hat, läßt sich nicht ergründen, denn Arneburg wird lange Zeit gar nicht mehr erwähnt. Jedenfalls ist es nichts von Bedeutung gewesen, denn sonst wäre es in den Überlieferungen erhalten geblieben. Bekannt ist jedoch, daß die Burg sich wieder im Kaiserlichen Besitz befand und daß ein Burggraf sie in des Markgrafen Auftrage verwaltete.

Vermutlich gelang es dem Erzstifte Magdeburg nachdem es vorübergehend in den Besitz der Arneburg gekommen war, - die Besitzer wechselten nämlich sehr oft – die jenseits der Elbe bis zur Havel gelegene Gegend dem Christentum und seiner Herrschaft mehr und mehr zu unterwerfen. Da-durch büßte Arneburg seine Bedeutung als Schutzwehr gegen heidnische Nachbarvölker ein. Zum Brennpunkte ihrer Angriffe wurde nun die Burg Werben.

Anfang des 12. Jahrhunderts, etwa

1120

wurde in der Stadt Arneburg eine große katholische Kirche hart am steilen Abhange der Elbe erbaut, deren Hauptaltar dem heiligen Georg geweiht wurde. Das ist die heutige Stadtkirche, die noch in der Gegenwart den Namen St. Georgskirche führt.

Sie stellt ein außerordentlich massives, granitenes, romanisches, einschiffiges, in Kreuzform angelegtes Bauwerk dar, dessen Altarraum von der Achse des Schiffes etwas nach Süden abweicht. Ihr Inneres ist rauh und schmucklos; nichts erinnert an die große Geschichte, die sie durchlebte. Und doch hat sie in ihrer kompakten Masse nichts von ihrer einstigen Würde eingebüßt. Die nachstehenden Bilder zeigen sie in ihrer heutigen Gestalt.

Die Kreuzflügel und die östliche Apsis müssen später erbaut sein, denn deren Bauart ist eine andere, viel sorgfältiger als diejenige der Wände vom Turm bis zum Kreuze. Hier sind die Steine eingemauert ohne jegliche Bearbeitung der Außenflächen, während die Steine der Kreuz-flügel und der Apsis an den Außenflächen behauen und geglättet sind. Dazu sind hier ausgesuchte, in der Gestalt ähnliche Steine zu laufenden Reihen eingemauert. Für den späteren Nachbau der Kreuzflügel spricht auch der Umstand, daß die Kirche jetzt 3 Eingänge – von Westen durch den Turm und an den beiden Kreuzflügeln, von Süden und Norden – hat und daß sich ferner noch vier zugemauerte Eingänge daran befinden. Genau der Tür des Pfarrhauses gegenüber in der nördlichen Mauer des alten Langschiffes ist die eine sehr niedrige Tür im altromanischen Stil, darüber, etwas seitwärts befindet sich ein kleines zugemauertes roma-nisches Fenster. Genau gegenüber in der Südwand befindet sich eine ebensolche Tür und ein gleiches, etwas größeres vermauertes Fenster. An der Nordseite der Apsis sind die Reste einer alten gewölbten Sakristei sichtbar. Die nach dem Innern der Kirche führende Tür ist ebenfalls zugemauert. Die vierte vermauerte Tür führt durch die Südwand der Apsis und ist viel jünger als die 3 anderen Türen. Die Fenster der Kirche sind nach dem Brande von 1767 bedeutend vergrößert worden, weil es vorher im Innern zu düster war. Über die Stiftung der Kirche haben sich Urkunden leider auch nicht mehr erhalten (vergl. Brand von 1767). Sie ist ohne Zweifel von dem Landesfürsten gestiftet worden, denn es stand diesem von altersher das Patronatsrecht an der Kirche zu. Oberlehnsherr war der Kaiser. Der Landesherr blieb Patron bis 1459, wo das Patronatsrecht dem neugestiftetem Domkapitel zu Arneburg übertragen wurde und man die Kirche mit allen ihren Einkünften dem Stifte inkorporierte (siehe dort). Nach Einführung der Reformation kam das Patronatsrecht an den Kurfürsten zurück. Da die granitenen Mauern der Kirche dem großen Brande von 1767 standhielten, so ist sie in ihrer heutigen Gestalt erwiesenermaßen die älteste Stadtkirche der ganzen Altmark. Das Einkommen der Kirche bestand nach der Stiftung aus Naturalien und Geldabgaben aus der Stadt selbst und aus den umliegenden Dörfern.

1145

wird ein Graf Siegfried als Burggraf von Arneburg genannt. Sein Abkommen ist nicht erwiesen. Er bekleidete diese Würde bis zum Jahre 1186, wo sie an seinen Sohn Konrad überging. Von diesen Burggrafen sind Überlieferungen so gut wie gar nicht erhalten geblieben, da sich wohl in der Zeit ihrer Regierung nichts von Bedeutung ereignet hat. Das aber spricht einer von ihnen, der eben genannte Burggraf Siegfried im Jahre 1185 als seines Geschlechtes Ruhm und Ehre aus: "Wir haben die Kirche Gottes in diesen Landen fest gefügt und Heidenblut in Hülle und Fülle vergossen."

Unter der Regierung des 1. Markgrafen von Brandenburg, Albrechts des Bären, - 1134 bis 1170 – einem der größten Regenten aller Zeiten, stand die Nordmark, die von nun an die "Altmark" hieß, und damit die Gegend von Arneburg, in einer Zeit der Blüte und Entwicklung. Es herrschte Ruhe und Ordnung im Lande und die Bevölkerung konnte in Frieden ihr Tagewerk verrichten. Die Förderung des Deutschtums, die Ausbreitung und Festigung der christlichen Kirche waren die vornehmsten Ziele der Regierung dieses großen Fürsten. Der Elbschiffahrt, die fast ausschließlich von magdeburgischen Kaufleuten ausgeübt wurde, wandte Albrecht sein besonderes Augenmerk zu, um dadurch den Handel nach Möglichkeit zu fördern. Er setzte aus diesem Grunde den bisherigen Elbzoll der Zollstätte Tangermünde usw. herab.

Als Albrecht der Bär im Jahre

1151

das Dorf Stendal (Steinedal) zur Stadt erhob, zählte Arneburg schon zu den ältesten Städten seines Gebietes, Albrecht gewährte der jungen Stadt Stendal die Zollfreiheit, welche um so wichtiger war, als Arneburg zu den wenigen Städten der Altmark gehörte, bei denen eine Fähre über die Elbe unterhalten wurde, und hier eine Handelsstraße in den jenseitigen Jerichowschen Kreis hinüberführte. Dies geschah, um den Handelsverkehr auf die erst im Anfangsstadium begriffene junge Stadt Stendal zu lenken und dadurch ihre Vergrößerung zu fördern. Der Nachfolger Albrechts des Bären war sein Sohn, der Markgraf Otto I. Nach dessen Tode regierte seit

1184

unter seinem ältesten Sohne, dem Markgrafen Otto II. dessen jüngerer Bruder Albrecht in Arneburg, der sich "Graf von Arneburg" nannte und auch seinen Wohnsitz dorthin verlegte. Die Bezeichnung "Grafen von Arneburg" hatte ihren Grund darin, daß die "Burggrafen von Arneburg" 1180 ihr Ende gefunden hatten.

Am 24. November

1196

erfolgte eine für Arneburgs Schicksal bestimmende Begebenheit. Vor dem Hochaltare des Domes zu Magdeburg standen die Markgrafen Otto II. und sein Bruder Graf Albrecht, umringt von ihren edelsten Vasallen. Tief ergeben übertrugen sie dem Erzbischofe Ludolf unter vielen anderen Besitztümern auch ihre Erbgüter im Westen der Elbe: also, daß dieselben dem glorreichen und unüberwindlichen Blutzeugen St. Mauritius ein volles Eigentum seien, daß ferner sie selbst die Gnade des Erlösers zum Heile ihrer Seelen wiedergewönnen und in das segenbringende Gebet der Domherren eingeschlossen würden, zu freiem Eigentum. Diese feierliche Übertragung verrichtete zuerst der Markgraf mit erklärter Einwilligung seines Bruders und danach dieser besonders mit der erklärten Ein-willigung des markgräflichen Bruders. Ein anwesender Kardinal und der Erzbischof Ludolf bestätigten kraft ihrer geistlichen Gewalt diesen Vorgang. Die Fürsten bekräftigten ihre Handlung noch mit dem Eide und wiederholten diesen am folgenden Tage zur weiteren Beglaubigung vor einem ordentlichen Gerichte. Die ganze Handlung bestätigte der Kaiser Heinrich IV am 6. Juli 1197 in Sizilien auf besonderen Antrag der Fürsten.

Dadurch wurde Arneburg selbstverständlich ein erzbischöfliches Lehn und Gut. Mit Genehmigung des Kaisers Heinrich IV. erfolgte aber ein Jahr später der Rückempfang der Erbgüter an Markgraf Otto als Lehn. Der Grund zu dieser Lehnsübertragung und der Rückempfang ist niemals klarzustellen gewesen. Das Wiedergewinnen der Gnade des Erlösers, wie es in der Urkunde heißt, scheint, wie Wohlbrück annimmt, ganz klar auf eine stattgefundene Exkommunikation der beiden Fürsten, wenigstens des einen oder des anderen, hinzudeuten. Nun aber berichtet Brottuff, ein nicht als unbedingt zuverlässig angesehener Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, daß der Markgraf Otto II. eine Zeit lang mit dem Erzbischof Ludolf von Magdeburg im Streit gelebt habe und daß er im Laufe desselben von diesem mit dem Banne belegt worden sei. Eine Fabel erzählt von einem Hunde, der eher verhungerte, als daß er ein ihm aus den Händen des Markgrafen dargebotenes Stück Fleisch berührt hätte, und der dadurch diesem Fürsten der gewaltigen Kraft eines Bannstrahles überzeugt und ihn zu einer Aussöhnung mit dem Erzbischof bereitwillig gemacht haben soll. Derartige Fabeln haben ja gewiß immer einen historischen Grund und so scheint es, daß die Entledigung dieses Fürsten vom Kirchenbann die wahre Ursache gewesen ist, welche ihn und seinen Bruder bewog, dem Erzbischof von Magdeburg so große Opfer zu bringen.

Als Tatsache steht fest, daß Otto II. der erste Markgraf war, von dem man mit Gewißheit weiß, daß er seine Markgrafschaft direkt vom Deutschen Kaiser zu Lehn besaß. Nach dem Tode Ottos II., der keine Nachkommen hinterließ, wurde

1205

sein erwähnter Bruder, der Graf Albrecht II. von Arneburg, Markgraf. Die Verwaltung des Landes wurde in der ältesten Zeit von dem Markgrafen selbst geführt, der alle militärische, administrative und richterliche Gewalt in seiner Person vereinigt. Unter ihm fungierten die Burghauptleute bzw. Burggrafen. Nachdem aber die Markgrafschaft erbliches Lehn geworden und damit die alte Burgwartsverfassung gefallen war, übten im Auftrage des Markgrafen die Vögte die militärische und administrative Gewalt aus. Albrecht II. machte Arneburg zum Hauptorte einer solchen Vogtei. An ihrer Spitze stand, wie gesagt, der markgräfliche Vogt, der auf der Burg wohnte und diese mit dem zugehörigen Besitze verwaltete. Über die militärische Sicherheit zu wachen, war seine erste Aufgabe. Daneben wachte er über die Sicherheit der Straßen und deren Erhaltung, zog die Abgaben ein, und hielt das Vogtei- oder Landgericht, dem sich alle Personen, die nicht ritterlichen Standes waren, unterwerfen mußten. Auch über die Stadtbürger hatte er nicht Recht zu sprechen. In landgerichtlicher Beziehung wurde dem Orte, oder vielmehr dem Landgerichte Arneburg, welches die Grafen und später die Vögte des Schlosses Arneburg an der in der Nähe des Ortes belegenden "Dingstätte" für die Landbewohner der Vogtei abhielten, eine ganz besondere Bedeutung zugemessen. Nach dem 50. Kapitel des aus dem 14. Jahrhundert stammenden Richtsteige zum Sachsenspiegel ging die älteste Form der Appellation von landgericht-lichen Erkenntnissen von der "Klinke" zu Brandenburg zur "Krepe" in der Altmark, nach welcher für ein auch hier gefälltes Urteil nur noch die Berufung an das markgräfliche Kammergericht in Tangermünde offen blieb. Die Krepe glaubt man nun in einem Eichenwalde bei dem Dorfe Eichstädt in der Nähe Arneburgs zu finden, wo in alter Zeit das Land-gericht stattfand. Hiernach wäre also die Gerichtsstätte zu Arneburg ursprünglichen Instanzenzuge landgerichtlicher Erkenntnisse von hervor-ragender Wichtigkeit für die ganze Mark gewesen, bis die Gerichtsver-fassung im 15. und 16. Jahrhundert mit der Einführung des fremden Rechtes eine völlig veränderte Gestalt annahm (Cod. dipl. Brand. Riedel I 6).

Das Kammergericht wurde Ende des 14. Jahrhunderts nach Branden-burg und 1450 nach Kölln an der Spree verlegt. Als jedoch der Kurfürst Joachim I. 1516 sein Kammergericht einsetzte, bestimmte er, daß die vierte jährliche Sitzung stets in Tangermünde stattfinden sollte. Das Gericht wurde dort auf der Schloßbrücke abgehalten.

Gleichzeitig mit der Einteilung in Vogteien wurde Arneburg der Sitz eines Landreiters – Chefs - . Die auf der Burg stationierten Landreiter, auch Bedelle genannt, unterstanden ebenfalls dem Vogt. Zur Landreiterei Arneburg gehörten zuletzt 65 Dörfer.

Im Jahre

1215

stand Albrecht II. als Verbündeter des Kaisers Otto IV. gegen den Erzbischof Albrecht von Magdeburg im Kriege. Er mußte die Vogtei Arneburg gegen die Überfälle der Magdeburger schützen. Deshalb finden wir ihn in diesem Jahre in einem großen Feldlager bei Staffelde, eine Meile südlich der Stadt. Markgraf Albrecht II. starb

1220.

Da er nur minderjährige Prinzen hinterließ, so trat der Fall ein, daß das Erzstift Magdeburg auf Grund des Vertrages von 1196 berechtigt war, die Vormundschaft über die Lehnsbesitzer zu führen und die Einkünfte von diesen Gütern zu genießen. Die Vormundschaft übernahm jedoch auf Grund der Reichslehngesetze der Kaiser, übertrug aber die Ausnutzung derselben dem Erzbischof. Die Witwe des Markgrafen, Mechtild, kaufte aber im Oktober

1221

laut geschlossenem Vergleiche dem Erzbischof die Vormundschaft für 1900 Mark Silbers ab. Im Jahre

1226

übernahmen die beiden Prinzen Johann I. und Otto III. infolge Großjährigkeit die Regierung ihres Landes gemeinschaftlich und nannten sich beide Markgrafen.

Im Jahre

1258

machten die Letztgenannten den Anfang zu einer allgemeinen Landesteilung für sich und ihre Erben. Bei dieser Teilung erhielt Otto III. den "Arneburgschen" Kreis. Otto starb am 9. Oktober

1267.

Nach seinem Tode übernahmen die Söhne Johanns I. gemeinschaftlich die Regierung. Sie erließen eine für die Landesangelegenheiten der Altmark sehr wichtige Verordnung. Bisher waren durch die Markgrafen zur Bestreitung der Kriegs- und Befestigungskosten von den Ortschaften unregelmäßige Abgaben, sogenannte Beden, erhoben worden, deren mit der Zeit immer mehr wurden und die nicht nur zum Schutze des Landes, sondern auch im Interesse der Fürsten verwendet wurden. Bei der Unsicherheit und Unbestimmtheit dieses Einkommens lag es aber im Interesse sowohl der Landesherren, als auch der Untertanen, dafür eine jährliche regelmäßige Steuer einzuführen und außerordentliche Landsteuern nur in ganz besonderen Fällen (z. B. als Lösegeld für Gefangene Fürsten) zu erheben. Die Verordnung datierte vom 1. Mai

1281.

Danach mußte von jeder Hufe Landes, die ein frustum- Stück gleich dem Werte eines Wispels Korn – einbrachte, je ein Vierding (1/4 Mark) in drei Terminen an den Landesherrn gezahlt werden. Damit wurde die bisherige außerordentliche Bede abgeschafft.

Mit dem Andreastage

1282

trat die ständige Bede, auch Urbede genannt, in Wirksamkeit. Über die von den Städten zu leistenden Beden wurden mit diesen besondere Vereinbarungen getroffen. Wenn diese Markgrafen und auch deren Nachfolger die Altmark besuchten, so hielten sie sich stets in Arneburg, nur mit ganz geringen Ausnahmen in Salzwedel auf.

Seit dem Jahre

1307,

dem Regierungsantritte des Markgrafen Waldemar, war die Burg Arneburg Wohnsitz seiner Schwiegermutter, der Witwe des Markgrafen Hermann, Anna von Österreich, einer Tochter des Kaisers Albrecht I., bis sie sich nach Jahren wieder vermählte und zwar mit dem Herzoge von Breslau. Sie verfügte über die Burg und die ganze Vogtei, welche ausgedehnten Umfanges war, und sich sogar über die Städte Werben und Seehausen erstreckte, und nannte sich "Dominam de Arneborch" und die Gegend um die Stadt ihr "dotalitium". Aber auch nach ihrer Ver-mählung blieb die Burg Arneburg weiter in ihrem Besitz, den sie sich nicht nehmen lassen wollte und ihn daher bis über das Aussterben des askanischen Markgrafen hinaus behauptete.

Aus der Regierungszeit des Markgrafen Waldemar (letzter Askanier, 1307 – 1319), ist zu erwähnen, daß er im Jahre

1304

u. a. den Einwohnern Arneburgs das Malzen verbot. Sie hatten ihr Malz in Stendal oder Tangermünde zu kaufen. Der Grund zu dieser Maßregelung ist nicht ersichtlich, wohl aber lag er in der Förderung des Handels dieser Städte. Nur die Burgritter durften für ihren eigenen Bedarf weiter malzen. Man hat also schon zu damaliger Zeit dem edlen Tropfen eine weitgehende Bedeutung beigemessen.

Die fast zweihundertjährige Regierung des ruhmreichen askanischen Fürstenhauses hat der Altmark großen Segen gebracht. In dieser Landschaft, die damals noch den Schwerpunkt bildete für die ganze brandenburgische Herrschaft und den Ausgangspunkt für die weitaus-schauenden Pläne und Unternehmungen, entwickelte sich auf allen Gebieten ein reges Leben.

Das Aussterben der askanischen Markgrafen, das manche alten, längst vergessenen Ansprüche des Bistums Magdeburg auf altmärkischen Besitz wieder weckte, wurde von diesem dazu benutzt, auch Arneburg dem Erzstifte wieder einzuverleiben. Der Lehnsauftrag von 1196 berechtigte ja das Erzstift, nach dem jetzt erfolgten Aussterben der beliehenen Familie die Besitzungen, welche den Gegenstand des Lehnsauftrages gebildet hatten, als frei geworden wieder an sich zu nehmen. Die spätere Herzogin Anna von Breslau wurde daher veranlaßt, anzuerkennen, daß sie ihr Wittum nur vermöge der Verleihung und Gunst des Erzbischofs Burchard III., als des Eigentumsherren, besitze, und ihren Vogt des Landes Arneburg nebst Städten und allen Einwohnern anzuweisen, sich nach ihrem Tode an das Erzstift von Magdeburg zu halten (Cod. dipl. Brand. II, 459). Am 5. September 1320 unterwarf sich die Herzogin den Anordnungen des Erzbischofs, verlangte aber dafür Schutz für sich und ihr Land auf Lebenszeit. Mit dem Zugeständnisse der Herzogin Anna vom 5. 9.

1320

noch nicht zufrieden, bewog das Erzstift die Fürstin drei Jahre später, also

1323,

zehn ritterliche Eingesessene des Landes Arneburg ihm als Bürgen zu stellen, welche auf Geheiß ihrer Herrin feierlich gelobten, nach dem Tode derselben das Schloß Arneburg auch tatsächlich dem Erzstifte zu überantworten. Die diesbezügliche Urkunde ist zu Arneburg am 15. September 1323 von der Herzogin gegeben. Wenn nun auch nach ihrem Testamente das Haus und die Burg Arneburg nach ihrem Tode dem Erzstifte Magdeburg übergeben werden sollte, so nutzten auch selbst die Bürgen nichts, denn der Markgraf Ludwig der Bayer nahm trotzdem die Arneburg beim Ableben der Herzogin Anna in Besitz. Alle Versuche des Erzbischofs, das versprochene Vermächtnis zu erhalten, schlugen fehl.

Nachtragend sei bemerkt, daß Arneburg in dem Jahre

1321

in die Vereinigung der alten Städte der Mark eintrat. Um diese Zeit blühte der Ackerbau in der Altmark auf, denn die Bauern lernten mit dem eisernen Pfluge arbeiten, während die auf dem östlichen Elbufer sitzenden Wenden sich noch des hölzernen Hakenpfluges bedienten, daher dem landwirtschaftlichen Aufblühen der Altmark nicht gewachsen waren und neidischen Blickes in das wirtschaftlich emporstrebende Land hinüberblickten.

Im Jahre

1329

muß sich der Markgraf Ludwig der Bayer offenbar in einer Geldverlegenheit befunden haben, denn er verpfändete dem Probst Seger und dem Rate von Stendal das Schloß Arneburg für 800 Mark Brandenburgischen Silbers auf einige Jahre (s. Anhang Urkunde 2). Aus dieser Urkunde ergibt sich, daß die Markgräfin Anna 1328 oder 1329 gestorben sein muß, und daß das Schloß mit seinen Besitzungen nach ihrem Tode an den Markgrafen zurückfiel.

1336

versprach der Markgraf Ludwig einem Domherrn von Magdeburg, ihn mit einem Altar in der Burgkapelle zu belehnen, wohl weil er wieder in Verlegenheit war, denn ein solcher Altar hatte ja immerhin für damalige Zeiten ein ganz nettes Einkommen. Wahrscheinlich war dies der St. Barbara-Altar, den der Markgraf Ludwig selbst gestiftet hatte. Die seit dem Tode der Herzogin Anna von Breslau fortwährenden Streitigkeiten mit dem Erzbistume Magdeburg über die besagten Eigentumsansprüche bezüglich Arneburgs dauerten seitdem ununterbrochen an, führten aber am 28. Juni 1336 zu einem Vergleiche, nach welchem der Markgraf zur Abfindung aller seiner Ansprüche 6000 Mark zu zahlen übernahm und dafür Arneburg, Seehausen und Werben mit der ganzen Vogtei dem Erzbistum zum Pfande setzte. Dem Edlen Otto von Ilburg wurde als beiderseits bevollmächtigtem Hauptmann das Land während der Verpfändung zur Verwaltung überwiesen. Diese Verpfändung dauerte jedoch nur bis Anfang des Jahres 1352.

Den Hoch-Barbara-Altar der Burgkapelle schenkte am 29. September

1338

der Probst Gerwinus von Bernau den in seinem befindlichen Sperlingsberg bei Arneburg – jetzt fälschlich Sperlingsburg genannt – unter der Bedingung, daß der jeweilige Probst von Bernau auf seinen Reisen in Arneburg stets gastlich aufgenommen werde (s. Anhang Urkunde 5). Schweres Leid brachte der ganzen Altmark und somit auch Arneburg im Jahre

1348

der "schwarze" oder "große" Tod. Das war eine Pest, die überall verheerend auftrat. Die Schuld daran wurde nach dem Glauben des Volkes den Juden, die sich durch ihren Wucher verhaßt gemacht hatten, beigemessen (Man vergleiche die jetzige Nachkriegszeit!). Die Bewohner beschuldigten die Juden, die Brunnen vergiftet zu haben, verjagten, beraubten und töteten sie! Durch Kasteiungen und Wallfahrten zu wundertätigen Bildern suchte man den göttlichen Zorn zu besänftigen. Große Scharen von Geißelbrüdern zogen von Stadt zu Stadt.

Im Jahre

1352

war der Markgraf Ludwig der Römer mit seiner Gemahlin Ingeborg auf dem Schlosse zu Arneburg anwesend. Er hatte seiner Gemahlin diesen schönen Sitz an der Elbe mit der dazu gehörigen Vogtei zum Leibgedinge ausersehen. Hier erteilte er den getreuen Bürgern Arneburgs ein ganz merkwürdiges Privilegium. Das war das erste, das Arneburg erhielt, denn ältere Privilegien hatte es nicht aufzuweisen. Der Markgraf befreite die Bürger der Stadt davon, seinen Beamten, Vögten und Richtern ihre amtlichen Briefe und Freiheiten einsehen zu lassen. Nur dem Markgrafen selbst, als dem rechten Erbherrn, sollten die Pergamente in der Gerbkammer, das ist in der Sakristei der Kirche St. Georg, der heutigen Stadtkirche, vorgewiesen werden. In diesem Privilegium wurden ferner die Bürger von Zoll- und Geleitsabgaben befreit, erhielten einen eigenen Gerichtsstand erster Instanz vor ihrem Ratsgerichte, Rat und Schöppen wurden von der Auspfändung durch Beamte des Landesherren von der rechtlichen Entscheidung der Streitsachen befreit. Ferner wurde dem Rate die Gerichtsbarkeit über kleine, ohne Gewalt verübte häusliche Vergehen übertragen. Außerdem befreite er die Bürger von der Verpflichtung, Räuber, Mordbrenner und sonstiges Gesindel außerhalb der Stadttore zu verfolgen, dagegen verpflichtete er sie, im Falle der Not zur Verteidigung der Burg mit Waffen und Geschossen und aller ihrer Macht Hilfe zu leisten, soweit sie zur Burgwehr geordert waren (s. Anhang Urkunde 4). Deutlich zeigt diese Urkunde, wie sorgsam und mißtrauisch man in jenen Tagen mit den Stadtbriefen verfuhr. Sie legt aber auch Zeugnis ab von dem großen Wohlwollen, das der Markgraf der Stadt Arneburg erwies. Bei der Erteilung dieses Privilegiums wird 1352 Ingeborg schon als Besitzerin des Landes und der Feste Arneburg genannt; mithin hatte sie der Markgraf bereits verschrieben, obwohl die völlige Einlösung erst

1354

stattfand, als das Erzstift Magdeburg den Besitz endgültig aufgegeben hatte. Am 7. September 1354 forderte daher der Markgraf die Altmark zur Entrichtung eines Schlosses (Abgabe) zwecks Einlösung des verpfändeten Schlosses Arneburg auf (s. Anhang Urkunde 5) und, nachdem diese Einlösung, wie gesagt, geschehen, versprach er am 7. Februar

1355

den Ständen der Altmark als Anerkennung für ihre Hilfe, das Schloß nicht wieder zu veräußern oder zu verpfänden.

Nur wenige Jahre hindurch hatte die Markgräfin Ingeborg mit ihrem Gatten zusammen leben können und diese kurze Zeit hatte dem markgräflichen Paare in familiärer und staatlicher Hinsicht unsagbar viel Leid und Demütigung gebracht. Erdrückend viel traurige Tage und nur wenige fröhliche Stunden waren der fürstlichen Frau auf dem Schlosse Arneburg beschieden gewesen. Zu jenen spärlichen Augenblicken der Freude mag es gehört haben, als, wie es öfter geschah, so auch

1362,

der Helmbusch und der blinkende Harnisch des Gatten in der Ferne von Storkau her sich zeigten und Ludwig der Römer den Burgpfad hinaufritt, um in die Arme seiner geliebten Gattin zu eilen, sie in ihrem Lieblingsstädtchen zu besuchen. Dann mögen die hohen Gatten in der traulichen Einsamkeit des Burgparkes alles Leid vergessen und wirklich glückliche Stunden der Erholung mit einander verlebt haben. Bei einer erneuten Leibgedinge-Verschreibung von

1363

(s. Urkunde 6 des Anhanges) ließ Ludwig der Römer der Markgräfin Ingeborg die Arneburg mit der ganzen Vogtei zukommen. Um aber seiner Gemahlin diesen Sitz noch fester zu sichern, bequemte er sich sogar dazu, auch seitens des Erzbischofs von Magdeburg ihr die Belehnung mit Arneburg erteilen zu lassen, obwohl dieser gar kein Anrecht mehr daran hatte. Der edlen Markgräfin Ingeborg hatte die Stadt sehr viel Gutes zu verdanken. Nach dem Tode Ludwigs des Römers

1365

erhielt Ingeborg ihren Lieblingssitz Arneburg, und zwar Burg und Schloß, als Wittum (Witwensitz) auf ihren Wunsch endgültig. Sie lebte hier ununterbrochen 19 Jahre lang, bis 1384.

Ingeborg stiftete während dieser Witwenzeit an der Burgkapelle einen Altar zu ihrem und ihres verstorbenen Gemahls Seelenheil. Dieser Altar war dem Evangelischen Johannes und allen Aposteln geweiht. Er hatte seine Einkünfte aus Jarchau, Iden usw. im Gesamtbetrage von 9 Stück (frustra). Davon sollten 8 für den Altar und den Ministranten, 1 zum Unterhalte der ewigen Lampe in der Kapelle verwendet werden. Das waren jedenfalls Einkünfte, die der Markgräfin bisher zugestanden hatten.

Diese Schenkung des Altars bestätigte der Kaiser Karl IV zu Tangermünde am 29. Oktober

1377.

Die Markgräfin Ingeborg vermählte sich aber im Jahre

1384

mit dem Grafen Heinrich von Holstein und übertrug nun die Verwaltung der Vogtei Arneburg einem Ritter Thomas von Görne als Vogt. Obwohl sie von nun an nicht mehr so viel in Arneburg weilte, entzog sie doch ihrer Lieblingsstadt das fernere Wohlwollen keineswegs. Das ergibt z. B. eine am 2. Juni 1384 ausgestellte Urkunde, in der sie den Hof zu Schlüden dem Magistrat zu Arneburg als Eigentum verschreibt (s. Anhang Urkunde 7).

Diesen Hof zu Schlüden, wie er lag und stand, also mit Wiesen, Wassern, Wäldern, Weiden, dem ganzen Acker, ob bestellt oder unbestellt, ferner mit Nutzen, Renten und Freiheiten sollten die Ratmannen und die Gemeinde nach Stadtrecht haben und ewig besitzen. Zeugen dieser Urkunde sind u. a. gewesen: der Vogt von Arneburg, "matz von gorne", der Arneburger Bürger und Schreiber der Markgräfin, Pfarrer Lamprecht Staafeld usw.

Die Schenkung tritt insofern noch heute zutage, als daß der Acker im schlüdenschen Grunde Eigentum Arneburger Bürger ist, die ihn von der Stadt ehemals käuflich erwarben.

Am 23. August

1409

bestätigte der Markgraf Jobst der Stadt Arneburg den Besitz der Schenkung. Als nach dem Tode des Markgrafen Jobst die altmärkischen Städte Gesandte nach Ofen schickten, und unter Schilderung ihrer Leiden -–Raubritterwesen pp. – den Kaiser Siegismund baten, selbst nach der Altmark zu kommen und die Regierung zu übernehmen, antwortete er ihnen, er würde ihnen einen Mann senden, mit dem sie wohl zufrieden sein würden. Das war der erste Hohenzoller, Friedrich I., der Retter der Mark.

Am 3. April

1415

übertrug der Kaiser dem bisherigen Stadthalter Friedrich die Markgraf-schaft Brandenburg mit der Kurfürsten- und Erzkämmererwürde des heiligen römischen Reiches. Im Herbst 1415 kam Friedrich in die Altmark, wo er die Huldigung der Städte annahm. Er wohnte bei dieser und jeder ferneren Anwesenheit in der Altmark stets in Tangermünde.

Am 15. Mai

1416

verpfändete Friedrich I. die Vogtei mit dem Schlosse Arneburg für 3050 rheinische Gulden an die Familien v. Bratensleben, v. Weferlingen, v. d. Schulenburg und v. Bernfelde auf einige Jahre, erhielt beide aber alsdann zurück.

Im Frühjahre

1424

willigte Friedrich I. in den Verkauf von ¼ der Fähreinnahmen von Arneburg seitens des Rates daselbst an einem Herrn Ortel von Czemen (Zemen), durch eine zu Havelberg am Freitage vor Lätare gegebene Verordnung (s. Anhang Urkunde 8). Hierbei sei bemerkt, daß die Fähre früher nicht an der jetzigen Stelle, sondern in der Verlängerung der Roßpforte über die Elbe fuhr. Zu der Veräußerung eines Teiles der Fähreinnahmen haben die späteren Kurfürsten Albrecht – Achilles – Johann – Cicero – und Johann Georg ihre Zustimmung erteilt. Wie aus der Urkunde hervorgeht, hat der Landesherr seinen Willen dazu gegeben, daß nach althergebrachten Gerechtsamen die Einwohner Arneburgs für das Übersetzen eines Wagens über die Elbe nicht mehr als 3 Scherf geben sollten. Die Einnahmen dieser wichtigen Fähreinrichtung waren also Eigentum der Stadt. Heute ist die Fähre fiskalisch und an einen Fährmeister verpachtet. Weil ich nun gerade das Kapitel von der Arneburger Fähre behandelt habe, so möge mir gestattet sein, hier zugleich eine altmärkische Sage einzuschalten:

In alter Zeit lebte auf den Camer Bergen jenseits der Elbe eine Riesin, Frau Harke genannt. Sie war eine Heidin, die vom Christentume nichts wissen wollte. Als aber trotzdem ihre ganze Umgegend der Kirche zugetan wurde, beschloß sie, auszuwandern, nachdem sie vorher nach dem Dome zu Stendal einen Stein geworfen hatte, der auf dem Galgenberge bei Arneburg niederfiel. So ist sie denn mit allen ihren Leuten über die Arneburger Fähre nach Thüringen gezogen. Aber der Fährmann hat nichts gesehen, außer 2 Reitern auf kleinen Pferden, welche die größte Fähre bestellt hatten, die dann voll von Gepolter und Gerassel gewesen ist. Zum Lohn gab der eine Reiter dem Fährmann eine Metze voll alter Scherben, die der ärgerliche Schiffer in das Wasser warf. Einige Stücke jedoch blieben in der Fähre liegen, und als der Fährmann am anderen Morgen in die Fähre stieg, fand er darin ein paar Goldstücke. – Aber das ist alles schon lange her und nur selten kommt das Gespräch darauf. Lediglich die ältesten Einwohner unseres Städtchens entsinnen sich aus ihrer Kindheit jener Sage, die im altmärkischen Sagenschatz, herausgegeben vom Lehrerverein, uns erhalten geblieben ist. Auch der Kurfürst Friedrich I (1415 – 1440) hielt sich sehr gern in Arneburg auf und gab seiner Freude über die herrliche

Lage der Stadt oft Ausdruck.

Zu Maria Heimsuchung anno

1429

hatte er gerade das schöne Arneburg gewählt, um hier die "Ehestiftung" zwischen seiner Tochter, der Prinzessin Magdalene mit dem Herzoge Friedrich von Braunschweig und Lüneburg auf seinem hiesigen idyllischen Schlosse zu feiern. Der Kurfürst verschrieb behufs Sicherstellung der zugedachten Mitgift von 10 000 rheinischen Gulden seiner Tochter zum Unterpfande das Schloß Arneburg.

Am 18. Februar

1435

wurde dann das Schloß Arneburg gegen eine Geldsumme an einen Cuno von Eickstedt als Pfand übergeben mit der ausdrücklichen Bedingung, daß er es mit Wächtern und Torhütern besetzt halten sollte. Aber schon zu Weihnachten

1438

entledigte sich Eickstedt seines Pfandes und gab das Schloß zurück, wofür er naturgemäß auch das Geld, das er daran stehen hatte, zurückerhielt.

Auch unter der Regierung des ersten Hohenzollern erging es der Mark zunächst nicht gut. Wiewohl das Land von keinem äußeren Feinde bedroht war, so trieben die inneren Feinde der Ruhe ihr Unwesen unentwegt weiter. Das waren die Raubritter. Unter diesen Plagegeistern seien die Quitzows, die Köckeritze, Lüderitze, Itzenplitze und Krachte an erster Stelle genannt. Diese Räuberbanden machten die Landstraßen so unsicher, daß der Verkehr auf ihnen in höchstem Maße litt und der Handel fast gänzlich unterbrochen wurde, denn es wollte sich schließlich jeder die Handelsstraßen passierende Kaufmann vor solchen Gesindel schützen. Diese Raubritter tyrannisierten die Bewohner wo sie nur konnten. Seufzend beteten die armen Landbewohner:

"Vor Köckeritze und Lüderitze

Vor Krachten und vor Itzenplitze

Behüt uns lieber Herre Gott."

Aus der Zeit jenes Raubritterwesens hat sich folgende Erzählung noch bis heute im Munde der Arneburger erhalten, die hier wiederzugeben mir gestattet sei:

In diesen Jahren lebte auf der hohen Arneburg der Ritter Dietrich, genannt der Grausame. Er hatte mit den Bürgern des Städtchens oft Streitigkeiten. Wenn sie seinen Wünschen nicht nachkamen, so lockte er den einen oder den anderen unter irgend einem nichtigen Vorwande auf die Burg und ließ ihn hängen. Über diese Grausamkeiten beklagten sich die Arneburger Bürger beim Kaiser. Als nun wiederholte Vorstellungen des Kaisers bei Dietrich nicht halfen, beschloß der Kaiser, weil die Burg schwer zu erobern war, deren Bewohner durch Hunger zu zwingen, dem abscheulichen Gebaren Einhalt zu tun. Aber auch dies blieb erfolglos, denn auf der Burg zeigte sich kein Mangel an Lebensmitteln. Da machte der als Mitglied der Schuhmachergilde in hohen Ansehen stehende Bürger Woldeck, der in der Töpferstraße gewohnt haben soll, den Kaiser darauf aufmerksam, daß dem Dietrich durch einen unterirdischen Gang, der von der Kirche zur Burg hinaufführte, Nahrungsmittel durch Mönche zugeführt würden. Nachdem nun dem Dietrich auch diese Zufuhr abgeschnitten war, mußte er sich ergeben, und der Kaiser verfuhr mit ihm, wie mit den übrigen Raubrittern, das heißt, er ließ ihn hängen. Der Bürger Woldeck bekam für seine wackere Tat vom Kaiser die Rittergüter Storkau, Billberge und Arnim, wurde außerdem geadelt und nannte sich nun "W o l d e c k v o n A r n e b u r g". Diese Art der Entstehung des Adelsgeschlechts ist allerdings mit vollem Rechte in das Reich der Fabel zu verweisen, denn erstens ist die Arneburg niemals eine Raubritterburg gewesen, und zweitens ist das Geschlecht der Woldeck von Arneburg bedeutend älter. Nur um dem Wunsche der Arneburger zu entsprechen, mag die Geschichte hier angeführt sein. Nach dem altmärkischen Sagenschatz soll jener Woldeck unter Kaiser Karl IV. um 1350 gelebt haben. Urkundlich ist jedoch bereits der erste Ritter Heinricus de Woldegen 1230 im Cod. dipl. Brand. I 8, 143 genannt. Nach derselben Quelle (Riedel) ist 1247 auch ein Wernerus de Arneborg erwähnt. 1337 wird ein Gerhard von Arneburg sogar schon in Verbindung mit Storkau, das Jahrhunderte hindurch bis 1862 Sitz der Familie Woldeck von Arneburg gewesen ist, urkundlich genannt. Wenn die Familie nicht, wie bereits erwähnt, von dem Fürsten Wulf von Arneburg abstammen sollte, - aus Wulf der Degen soll Woldegen entstanden sein – dürfte eine andere Sage größere Wahrscheinlichkeit haben. Diese behauptet, daß ein Ritter Woldicke oder Woldecke wegen seines tapferen Verhaltens bei der Verteidigung der Burg von seinem Landesherrn den ehrenden Beinamen "von Arneburg" erhalten habe. Das klingt allerdings wahrscheinlicher. Den geschichtlichen Hintergrund aber bildet die Tatsache, daß das alte Geschlecht der Woldeck von Arneburg längere Zeit hindurch Vögte für die Arneburg gestellt hat.

Und Arneburg zählt mit Stolz den dieser Familie angehörigen Reiter-general Hans Georg Woldeck von Arneburg, Erbherrn auf Storkau und Arnim, auch zu den Seinen, jenen Woldeck, der sich in den Schlachten bei Molwitz, Hohenfriedberg, Soor, Lobositz, Roßbach, Leuthen, Zorndorf und Torgau rühmlichst hervorgetan, der schon als Leutnant von Friedrich dem Großen für hervorragende Tapferkeit den Pour le merite erhalten, und der als General das Kürassier – Regiment von Woldeck, zuletzt Leib-Kürassier-Regiment Nr. 1 in Breslau – geführt hat. Er starb am 04.01.1785, 73 Jahre alt in Storkau.

Die Familie war während des Mittelalters in der Umgegend von Arneburg und Stendal an neun Orten begütert und besaß noch bis 1887 das Rittergut Arnim bei Stendal. Ihr Hauptsitz war indessen das Rittergut Storkau bei Arneburg. Das Wappen der Familie ist fast das gleiche wie das der Stadt Arneburg.

Von drei der letzten Woldeck von Arneburg, die am 1. Weltkriege teilgenommen, sind zwei auf dem Felde der Ehre geblieben. Ludolf Woldeck von Arneburg fiel am 06. September 1914 als Leutnant im Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 bei Ecury le Repos, und ein Alexander Woldeck von Arneburg am 08. August 1917 als Major und Kommandeur des II/Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 8 in den heißen Kämpfen an der Susita an der Spitze des Bataillons beim Sturm auf die feindliche Stellung. Der grüne Rasen von Focsani in Rumänien deckt ihn zu. Der Dritte, Hauptmann a. D. Felix Asmus Woldeck von Arneburg gehörte dem Generalstabe an. Bei einer Erkundung von Verdun ereilte ihn leider schon im Dezember 1914 sein Schicksal; trotzdem kämpfte er im Herbst 1916 noch mit der "Krücke von Stahl" im ersten Graben bei der Infanterie in Frankreich. Der Deutsche Kronprinz sprach ihm wegen seines tapferen, unerschrockenen Verhaltens seine besondere Hochachtung und Anerkennung aus. Getreu den Traditionen ihrer großen Vorfahren haben diese drei ihr Leben eingesetzt und zwei von ihnen sogar eingebüßt für des geliebten Vaterlandes Ruhm und Größe!

Ich habe hier mit Freuden Gelegenheit genommen, einiges von dem Geschlechte der Woldeck von Arneburg zu erzählen, zumal es ja mit der Geschichte unserer Stadt so eng verknüpft ist und noch heute ihren Namen führt.

Herrn Hauptmann a. D. von Woldeck in Bad Homburg, von dem ich eben sprach, gilt mein besonderer Dank für die freundliche Überlassung von Angaben aus seiner Familienchronik und für das große Interesse, das er meiner bescheidenen Schrift entgegenbrachte.

Bin ich nun bei diesen Familiennachrichten etwas von meinem Thema abgewichen, so will ich gleich die Verbindung mit ihm wieder aufnehmen.

Ich sprach da zuletzt von einem unterirdischen Gange, der von der Kirche zur Burg führen sollte. Die Einwohner Arneburgs haben sich bis in unsere Tage das Vorhandensein einen solchen Ganges eingebildet und zähe an ihrem Glauben festgehalten, obwohl er niemals bestanden hat oder selbst nach Ansicht bedeutender Forscher bestanden haben kann. Die ältesten Bewohner der Stadt wollen sich aus ihrer Kindheit genau erinnern, daß man damals seinen Eingang gefunden habe. Es hätten sich Leute mit einem Lichte und mit einer Pauke in den Gang hinuntergewagt, um ihn zu durchgehen. An dem Paukenschlage sei dann über der Erde zu hören gewesen, wo sie sich ungefähr befanden. Das Licht sei ihnen jedoch infolge der schlechten Luft im Gange erloschen und sie selbst wären den Erstickungstod gestorben. Aus Angst, daß es anderen Leuten ebenso ergehen könnte, hat man sich niemals in den Gang hinuntergewagt, dessen Eingang dann auch verfallen oder beim Häuserbau vermauert worden sei. Diese Erzählung ist ein Märchen vom Anfang bis zum Ende. Ich selbst bin als kleiner Schulbub, dem die Sage damals auch bekannt war, in einer Schulklasse nahe dem Katheder durch die infolge übergeschütteten Trinkwassers allmählich morsch gewordenen Dielen hindurch in den "Gespenstergang" gefallen. Ich entsinne mich, daß es darin entsetzlich roch und ich ein wahres Höllengeschrei nach Lebensrettung ausstieß. Es war doch zu gruselig im düsteren Gange. Nicht ganz ohne ein gewisses Heldentum entstieg ich auf einer Leiter der Hölle, in der ich in meiner Angst Knochengerippe und all so etwas gesehen zu haben glaubte, und wurde von meinen Schulkameraden eifrigst gefragt, was ich gesehen und erlebt hatte. Aber mein ungewolltes Abenteuer fand bald eine Erklärung dadurch, daß man mir nachwies, daß ich in einen seit langen Jahrzehnten nicht benutzten Schulkeller gefallen war, von dessen Vorhandensein bis dahin selbst das Lehrerkollegium keine blasse Ahnung hatte. --- Es handelt sich, wie gesagt, bei dem Gange um eine Sage, und zwar um eine genaue Kopie einer solchen aus Stendal, die hierher beinahe wörtlich verpflanzt worden ist. Diese Stendaler Sage zu erwähnen sei mir hier noch kurz gestattet:

"Von einem glockenlosen (wüsten) Turme des Domes zu demjenigen der Marienkirche habe ein unterirdischer Gang bestanden. Vor vielen Jahren nun wollte man versuchen, ob man den Gang wirklich von einem wüsten Turme zum anderen durchgehen könnte, und da man gerade einen armen Sünder im Gefängnis hatte, seines Zeichens ein Trommler, der hingerichtet werden sollte, so ließ man ihm die Wahl, ob er den Gang untersuchen oder gehängt werden wolle. Mit Freuden wählte jener das Erstere. Man hieß ihn, vom Dom aus in den Gang einzusteigen und trommelnd seinen Weg zurückzulegen, damit man immer hören könne, wie weit er gekommen. Der Trommler marschierte lustig trommelnd drauf los. Als er bis mitten unter die Hallstraße gekommen, verstummte jäh sein Kalbfell. Man hat von dem Trommler nie wieder etwas gesehen oder gehört." (Der "Tag" vom 15.08.22)

Unter der Regierung des Kurfürsten Friedrich II (Eisenzahn) gehörte Arneburg zu dem Anteile des Markgrafen Friedrich des Jüngeren, des Dicken oder Fetten. Dieser wird als ein wenig befähigter Fürst geschildert.

Am 29. Juni

1441

verpfändete er das Schloß Arneburg mit allen dazu gehörigen Einkünften aus dem "Steteken Arneberch", dem keinesfalls hohen Zoll der halben Fähre und verschiedene Gerechtsame aus umliegenden Dörfern an 5 Brüder von Blumenthal. In demselben Jahre gestattete er denen von Einbeck Hebungen aus Arneburg, die zu ihrem Burglehn gehörten, zu verpfänden.

1441 bekennt ferner der Schenk von Lützendorf, daß er ein Burglehn zu Arneburg mit den Höfen im Schlüden – met den hoffen to sluden – mit allem Zubehör habe. Aus dieser Mitteilung geht also hervor, daß außer dem bereits erwähnten, der Stadt Arneburg durch die Markgräfin Ingeborg geschenkten Hofe noch mehrere Höfe in dem längst verschwun-denen Schlüden vorhanden gewesen sein müssen. Aus einer Urkunde desselben Jahres erhellt dann noch, daß bei Arneburg ansässige Wenden – siehe Vorgeschichte – in einer Art Kietz, dem Anger, abgesondert wohnen und auf der Burg gewisse Hausdienste verrichten mußten.

Infolge eines kaiserlichen Verbotes waren

1446

die Juden aus der Altmark vertrieben und aller ihrer Güter für verlustig erklärt worden. Markgraf Friedrich der Jüngere nahm sie jedoch wieder auf und siedelte sie an verschiedenen Orten, so auch in Arneburg, an. Er tat dies sicher nicht aus Pietät, sondern nur aus Gründen der Finanzwirtschaft, denn die Juden mußten einen sehr hohen Schutzzoll zahlen. Infolge dieser Ansiedlung entstand auf dem südlich Arneburg gelegenen Galgenberge ein Judenfriedhof, der nunmehr auch fast verfallen ist. Wenige Grabhügel und nur ein Grabstein bezeichnen heute seine Stätte.

Schloß, Stadt und Land Arneburg vereignete Friedrich II., der Jüngere, im Jahre

1448

seiner Gemahlin Agnes, einer geborenen Herzogin von Pommern, als dereinistiges Wittum (Witwensitz). Am 02. Februar

1452

verschrieb Friedrich dem Arndt von Lüderitz anstelle der früher ihm verpfändeten Hebungen in der Priegnitz das Schloß Arneburg auf 2 Jahre, und am 13. Februar

1454

gelobten Bürgermeister und Rat des Fleckens "to Arneborch" dem Arndt von Lüderitz die ihm vom Markgrafen mit verschriebene Zahlung von 10 Stendaler Mark Urbede (siehe Anhang Urkunde 9).

Wie aus den bisherigen Darlegungen hervorgeht, war die Burgkapelle außerordentlich reich mit Altären und Stiftungen ausgestattet. Dieser für bloße Burgkapellen ungewöhnlich beträchtliche Clerus und vielleicht auch die Erinnerung an das hier ein halbes Jahrtausend früher bestandene und im Jahre 997 zu Grunde gegangene geistliche Stift gaben vielleicht die Veranlassung, daß der Markgraf Friedrich der Jüngere als der mit der Mark abgefundene jüngste Sohn des ersten Kurfürsten aus dem Hause Hohenzollern, am 21. April

1459

bei der alten Burgkapelle, die wie früher erwähnt den Namen "Unser lieben Frauen" führte, ein Kollegiat oder Domherrenstift St. Mariä und St. Francisci als Augustiner Chorherrnstift zu Ehren des allmächtigen Gottes, der heiligen fünf Wunden, der Jungfrau Maria usw. zum Seelenheile aller Vorfahren und Nachkommen der Markgrafen von Brandenburg, sowie des Gründers, aller seiner Freunde, Diener, Knechte, ja sogar seiner Feinde, überhaupt aller Christen stiftete (siehe Anhang Urkunde 10). Dadurch wurde Arneburg der Sitz einer zahlreichen Geistlichkeit. Infolge der Stiftung dieses Domkapitels wurde auch 1459 das Patronatsrecht an der St. Georgskirche vom Landesherrn auf das Domkapitel übertragen und die Kirche mit ihren Einkünften dem Stifte inkorporiert. Erwähnt wird aus demselben Jahre beim Domkapitel ein Altar St. Christophori.

Das Kollegium des Kapitels sollte 9 Major- und 3 Minorpräbenden und 2 Küsterämter enthalten. Von den Inhabern der Majorpräbenden wurde einer als Dechant zum Vorstande des Stifts erhoben, die in Arneburg residierenden Inhaber sollten täglich die canonischen Stunden nebst dem übrigen in spezieller Art von dem Stifter vorgeschriebenen Gottesdienst feiern. Die

  1. Präbende, die Dechanei, wurde mit der Vikarei im St. Nicolai-Dome zu Stendal verbunden, die
  2. Präbende, das Seniorat mit der Pfarre zu Arneburg, die
  3. Präbende, die Kellnerei, mit der Pfarre zu Lenzen, die
  4. Präbende, die Succentorei, mit der Pfarre in Buch bei Tangermünde, die
  5. Präbende mit der Vikarei zu Arneburg, die
  6. Präbende mit einem Lehn in Arneburg, die
  7. Präbende mit einem Lehn in Salzwedel, die
  8. Präbende mit einem Lehn in Arneburg, und die
  9. Präbende mit der Sakristei zu Arneburg.

Die drei Minorpräbenden kamen an 3 Herren (v. Redern, Bruggemann und Markendropp), die in der dem Stift auch inkorporierten Klause bei Tangermünde wohnen sollten. Den Inhabern der Minorpräbenden wurde in der Stiftung vorbehalten, in Erledigungsfällen in den Genuß der Majorpräbenden dem Alter nach einrücken. Unterküster wurden Arnd Milges und Johann Buch. Die Verteilung der Präbenden lag dem Markgrafen ob.

In der Stiftungsurkunde des Domherrenstiftes war vorgeschrieben, daß am Guten Donnerstage (Gründonnerstag) und am Montage vor dem heiligen Leichnamstage die Domherren aus der Schloßküche gespeist werden sollten. Alle 2 Jahre erhielten sie zwei "hegensche Doke" zur Kleidung, die sie unter sich zu teilen hatten. Ferner sollten sie, wenn die fürstlichen Herrschaften in Arneburg anwesend waren, die Kost an deren Tafel erhalten, auch zu den Vierzeiten, wenngleich die Herrschaft nicht anwesend sei, die Kost dort empfangen. Außerdem wurde ihnen aus den markgräflichen Wäldern Holz zur Feuerung und Haushaltung zuge-wiesen. Die Stiftungsurkunde enthält ferner genaue Angaben über die seitens der Domherren zu erledigenden Amtsgeschäfte. Sie hatten z. B. zu den Vierzeiten und an den Gedenktagen der Patrone Prozessionen auf der Burg zu halten, am Palmsonntage mit der Prozession in die Pfarr-kirche St. Georg zu gehen und Gründonnerstag das Abendmahl zu halten. Zum Abendmahl sollten sie 4 Stübchen Katzenberger (kotzeborgere), oder vom besten vorhandenen Weine und Oblatenbrot (ablatenbrod) aus dem Schlosse der Arneburg erhalten. Wenn in der Stadt "de hilgen dracht" ist, sollten sie an dieser Prozession gleichfalls teilnehmen. Am 28. April 1459 inkorporierte der Markgraf dem Domkapitel die 3 Pfarren Arneburg, Lenzen und Buch sowie die 3 Vikareien auf der Burg für ewige Zeiten.

Ausgestattet wurde die Stiftung mit Einnahmen aus geistlichen Lehen der Pfarren zu Schönhagen, Krusemark und Königsmark, sowie dem in der Pfarrkirche zu Arneburg zu Ehren der Heiligen Jungfrau errichteten Nebenaltare. Ferner erhielt sie Anteil an der Kapelle auf dem Isseken-berge bei Lenzen. Außer diesen aus geistlichen Lehen herfließenden Ein-künften wurden dem Stifte noch mehrere mit weltlichem Besitz versehene Güter und Hebungen zuteil (Beden aus Eichstädt, Käklitz und Krusemark, Hebungen aus Schelldorf bei Tangermünde). Diese Besitzungen wurden in der Folgezeit noch durch Steuererhebungen aus Bürs, Schönhagen und Werben vermehrt. Am 21. Mai 1459 bestätigte der Diöcesanbischof Gebhard von Halberstadt die Stiftung. Er ordnete an, daß das Kapitel den Dekan selbst wählen müsse, daß es unter dem Bischof und dem Archidiakonus des Balsamgaues stehe und regelte das Präsentationsrecht des Patrons. Am 11. Juni 1459 bereits bestätigte der Papst Pius II in Mantua diese große Stiftung. Daß das Domkapitel bald über ansehnliche Barmittel verfügte, geht daraus hervor, daß der Markgraf Friedrich am 24. Juni

1461

10 Stendaler Mark aus der Urbede und mehrere Getreiderenten in Arneburg dem Domkapitel für 500 rheinische Gulden und später gegen andere Pfänder für 400 rheinische Gulden verschrieb. Ebenso entnahmen die Woldeck von Arneburg 1493 100 rheinische Gulden gegen Pfand von dem Kapitel. Am 08. Juli 1461 verpfändete Markgraf Friedrich die gesamte Urbede aus Osterburg an das Domkapitel zu Arneburg.

Geistliche Brüderschaften hatten sich zu jener Zeit bei der St. Georgs-kirche in Arneburg gebildet. Das waren die Elendengilde und die Kalande. Die erstere besaß einen Altar und das Patronatsrecht des Lehns St. Katharinae in der Pfarrkirche.

"Elend" hatte im Mittelalter die Bedeutung von "ausländisch, fremd pp.". Daher war der Zweck der Elendengilden, die Heimatlosen und Fremden zu unterstützen, sie auch in Krankheitsfällen in "Elendenhäusern" zu verpflegen, ihnen im Falle des Todes ein christliches Begräbnis zu sichern und Seelenmessen für sie zu halten. Neben diesen Funktionen unterstützte die Elendengilde die Stadtarmen durch Verteilung von Almosen; ihre Mittel erhielt sie durch freiwillige Spenden und Sammlungen.

Auf die Kalandsbrüder wollen wir etwas näher eingehen. Sie waren, wie auch die Mitglieder der Elendengilde, keine eigentlichen Ordensgeistlichen, legten auch keine Gelübde ab und verpflichteten sich nicht, auf Lebenszeit in der Gesellschaft zu bleiben. Ihre Bestimmung, der sie sich widmeten, war ursprünglich sehr edel und lobenswert. Sie sammelten Almosen für die Armen, vorzüglich für reisende Pilger, standen Leuten in Krank-heitsfällen bei und halfen jedermann ohne eigennützige Absichten in seiner Not. Weil sie den ersten Tag im Monat zusammenkamen, um ihre Rechnungen von den eingegangenen und angewandten Almosen abzulegen, so nannte man sie Kalande (von Calendris, dem Ersten im alten römischen Kalender herrührend). Doch mit der Zeit vergaßen sie sich bei den monatlichen Versammlungen nicht, sondern hielten ein freundschaft-liches Mahl miteinander, natürlich auf Kosten der Almosenkasse, das die steigende Jovialität mit der wachsenden Einnahme bald in ein Bachanal verwandelte. Wie üppig man bei solchen Zusammenkünften lebte, geht z. B. daraus hervor, daß der Bischof Ernst von Halberstadt im Jahre 1505 für den Kaland in Gardelegen, der nur 12 Mitglieder zählte, anordnete, daß bei jeder Zusammenkunft höchstens 1 Schwein und 2 Tonnen Bier verzehrt werden durften. Der Arneburger Kaland besaß an der Stadtkirche einen Priesterornat und 2 Diakonenröcke. An festem Einkommen hatte er im Ganzen 6 Mark, 35 Schillinge, 5 Pfennige an Gelde und 3 Wispel, 22 Scheffel an Korn aus Arneburg, Hassel, Baben, Iden, Krusemark, Giesenslage und Peulingen bezogen.

Friedrich II. (Jüngere), der Stifter des Domkapitels hielt sich die meiste Zeit seiner Regierung in Arneburg auf. In Tangermünde und Salzwedel weilte er nicht so gern, weil er die idyllische Ruhe Arneburgs und dessen auserwählte landschaftliche Schönheit liebte und bevorzugte. Auf die Zeit seiner Regierung ist vermutlich die Notiz der Glosse des Sachsenspiegels zu beziehen, die auf die Gerichte hinweist, welche von einem Markgrafen persönlich in seiner Kammer mit rittermäßigen Leuten gehalten würden und sich darauf beruft, daß man solcher Art Gerichte zu Arneburg wahrnehmen könne. Der Glossator weist darauf hin, daß Arneburg "eine stadt des marggraffen Kammer sey". Möglich ist es immerhin, daß Arneburg als uralter Sitz eines Burggrafen überhaupt in erster Linie als Ort für feierliche Gerichtssitzungen der Markgrafen für die Altmark betrachtet wurde, denn der Markgraf hatte ja in der Mark den Burggrafen gewissermaßen als Statthalter, hauptsächlich in Ansehung der Gerichtsbarkeit, nämlich des Kammergerichts eingesetzt, dem er in Fällen der Anwesenheit des Markgrafen als erster Schöppe diente, oder in Fällen der Abwesenheit des Markgrafen selbst präsidiert.

Friedrich der Jüngere starb kinderlos am 06. Oktober

1463

in Tangermünde, wurde aber auf ausdrücklichen Wunsch in der Burgkapelle seiner Lieblingsstadt Arneburg beigesetzt. Da er keine Erben hinterließ, so fiel die Altmark seinem Bruder, dem Kurfürsten Friedrich II. zu. Dieser ernannte schon nach 4 Tagen (am 10. Oktober 1463) den Arndt von Lüderitz zum Vogt von Arneburg.

Durch eine Urkunde vom 01. November

1469

bestätigte der Kurfürst das Domstift zu Arneburg und nahm es in seinen besonderen Schutz.

Nach dem Tode des Kurfürsten bestellte dessen Thronfolger Albrecht Achilles den Burgvogt von neuem unter Zubilligung seiner bisherigen

Einkünfte auf 6 Jahre durch Urkunde vom 05. September

1472.

Dieser Kurfürst bestätigte auch die Freiheiten der altmärkischen Städte, z. B. das Privilegium Ludwigs des Römers, aber diese Anerkennung mußte, was bisher nicht üblich gewesen war, mit 100 rheinischen Gulden erkauft werden. Gemäß eines mit päpstlicher Konfirmation versehenen Kapitelbeschlusses vom 31. Januar

1481

mußte jeder neu ernannte Domherr von Arneburg vor seiner Einweisung in die Pfründe und den Chorsitz 10 rheinische Gulden für die "Fabrik der Kirche" entrichten. Um was für eine Fabrik es sich dabei handelt, vermag nicht angegeben zu werden. Fabrik oder auch Bauhütte war die Werkstatt, die für jeden Domherren ein Wappen in das Chorgestühl zu schnitzen und Möbel anzufertigen hatte.

Albrecht Achilles lebte mit den altmärkischen Städten in dauerndem Zwist, der durch eine Weigerung der letzteren zur Bezahlung der Abgaben für Kriegskosten usw. entstand. Teils durch Schiedsgerichte, teils durch Anwendung von Gewaltmitteln zwang er die Städte zur Unterordnung. Daher kam es, daß Albrecht in den letzten Jahren seiner Regierung die Altmark nicht mehr aufsuchte. Er starb 1486 in Frankfurt am Main.

Der von seinem Vater (Albrecht Achilles) schon bei dessen Lebzeiten mit der Regierung der Mark betraute Sohn Johann (Cicero) hatte einen recht schweren Stand bei der Unterdrückung des Raubritterwesens, das noch immer in schönster Blüte stand. Die Raubburgen wurden zum Teil eingenommen und den Städten zur Vernichtung überwiesen, die Räuber hingerichtet. Nach dem Tode Albrecht Achilles übernahm Johann Cicero

1486

endgültig die Herrschaft. Er war ein überaus gütiger, milder Fürst, ein fein gebildeter Mann und gewandter Lateiner, der in der ganzen Zeit seiner nur 13 Jahre währenden Regierung gar darauf bedacht war, dem Wohle seines Landes nach Kräften zu dienen. Die Deckung der immer mehr anwachsenden Landesausgaben mit den bisherigen beschränkten Mitteln war leider nicht mehr möglich, und so schlug er die Erhebung der Bierziese (Steuer) vor. Es sollten von jeder Tonne Bier 12 Pfennige an Steuer erhoben werden. Die Prälaten und die Ritterschaft sollten nur für das zum eigenen Gebrauche hergestellte Bier ziesefrei sein. Die altmärkischen Städte gingen jedoch auf diesen Vorschlag nicht ein. Als nun dennoch die Ziese erhoben werden sollte, kam es in den Städten zu offenem Aufruhr. Aber Johann zwang die Aufsässigen nieder und stellte die Ruhe wieder her. Das an den Tag gelegte Verhalten der Städte gereichte der Altmark nicht zum Segen, denn Johann verlegte seine Residenz nach Kölln an der Spree, wodurch die Altmark aufhörte, der Schwerpunkt des Kurfürstentums zu sein. Er weilte zwar noch öfter in der Altmark, vornehmlich in seinem lieblichen Arneburg, ohne aber hier jemals längeren Aufenthalt zu nehmen.

1486

geriet der Verwaltungsapparat der Stadt Arneburg wegen der Ausübung der Gerichtsbarkeit in Streitigkeiten. In diesem Verwaltungsstreitver-fahren entschied der Landeshauptmann Wilhelm von Pappenheim im Auftrage des Kurfürsten zwischen dem Magistrat, dem Bürgermeister, den Ratsverwandten, Richtern und Schöppen. Danach sollte der Rat aus seiner Mitte einen Richter wählen und ihn an die Schöppen weisen, die dann dem Richter nach Landesbrauch den Eid abzunehmen hätten. Von dem eingehenden Gelde sollte der Rat die eine Hälfte und die Schöppen die andere Hälfte erhalten und für sich in Anspruch nehmen. Aber von der für den Kurfürsten bestimmten Geldabgabe des Gerichts sollte der Kurfürst selbst 2 Pfennige und der Rat den 3. Pfennig bekommen, worüber der Richter an den kurfürstlichen Kastner in Tangermünde alle Jahre Rechnung abzulegen habe. Wegen des Siegelrechtes wurde bestimmt, daß, sobald die Schöppen des kleinen Insiegels bedürften, ihnen der Rat dasselbe nicht, wie bisher, vorenthalten, sondern gutwillig leihen und nicht wieder versagen sollte. Zeugen dieser Abmachung waren der Probst Georgius Schultze, der Kastner Erasmus Woldenhagen und der Ratmann Hans Stege, sämtlich aus Tangermünde, ferner der kurfürstliche Landrichter Jürgen Mustel.

Nach dieser Entscheidung ist anzunehmen, daß Rat und Schöppen getrennte Kollegien bildeten, daß der Rat aber das Schulzengericht erworben hatte und aus seiner Mitte alljährlich einen Richter erwählte, der der Schöppenbank präsidierte. Im Jahre

1493

verstarb zu Arneburg der Domvikar Heinrich Scholtt, der bei der Schloßkirche bestattet wurde. Man setzte ihm einen drei Ellen langen und eine Elle breiten Grabstein mit der Inschrift:

Anno Domini MCCCCXCIII die Dominica III mensis Aprilis obiit honorabilis vir Dns. Henricus Scholtt, Vicarius Decanus in urbe Arnborch cuius anima re in pa.

Über das Schicksal dieses Grabsteines, den man später von der Burg herunterholte und an der Stadtkirche aufstellte (siehe bei 1710).

Am 09. Januar

1499

sah die alte Kaiserfeste Arneburg noch eine ergreifende Szene.

In einem weiten und hohen Gemache des Burgschlosses, dessen Fenster die freundliche Aussicht über den breiten Strom und über das schneebe-deckte Wiesenland gewährten, lag der Kurfürst Johann Cicero, 44 Jahre alt, im Sterben. Die Hofärzte hatten den schon seit langer Zeit kränkeln-den Fürsten hierher zu bringen geraten, weil sie die Luft Arneburgs als vorzüglich gesund erachteten. Aber ihre Kunst vermochte dem Fortschrei-ten der Wassersucht keinen Einhalt mehr zu tun. Am Morgen jenes klaren, kalten 09. Januar war ein jugendlicher Ritter mit 2 Knappen in blanker Rüstung auf dampfenden Rossen in den Burghof gesprengt. Auf den Wunsch seines Vaters, welcher das Nahen des Todes empfand, war der Kurprinz Joachim, der nachmalige Kurfürst Joachim I (Nestor) nach Arneburg berufen worden. Der junge Fürst fand hier die Räte Johanns bereits versammelt vor. Und jetzt, als der Sohn vor dem Bette seines Vaters kniete, richtete Johann Cicero das männliche schöne Haupt mit dem lockigen blonden Barte noch einmal auf und ermahnte den Prinzen zu kraftvoller und gerechter Regierung mit jenen unvergeßlich schönen Worten, die uns eine alte Überlieferung bewahrt hat:

"Deinen Fürstenthron wirst Du nicht besser befestigen, als wenn Du den Unterdrückten hilfst, den Reichen nicht nachsiehst, falls die den Geringen überwältigen, und wenn Du gleiches Recht einem Jeden angedeihen läßt. Vergiß nicht, mein Sohn, den Adel im Zaume zu halten, denn sein Übermut verübt das meiste Böse. Strafe die Edelleute, wenn sie die Gesetze übertreten und lasse nicht zu, daß sie irgend jemand, wer es auch sei, über Gebühr beschweren. Denn ich hinterlasse Dir ein großes Land, mein Sohn, allein es ist kein Deutsches Fürstentum, in welchem nicht mehr Zank, Mord und Grausamkeit im Schwange gehen, als in unserer Mark."

Nachdem der Kurprinz in die Hand seines Vaters das Gelöbnis geleistet hatte, so edler Vorschrift immer zu folgen, legte sich Johann Cicero auf seine Kissen nieder. Bald hatte der edle Kurfürst sein Leben ausge-haucht, bald das friedliebende Herz zu schlagen aufgehört. Die Mark hatte einen neuen Herrn, einen Herrn, der niemals vergessen hat, was er dem sterbenden Vater gelobt.

Vom Schlosse Arneburg setzte sich der Leichenzug Johann Ciceros nach Kloster Lehnin in Bewegung. Hier wurde der Kurfürst zunächst beige-setzt. Es ist aber als feststehend zu betrachten, daß sein Leichnam um 1542 in ein Gewölbe des alten Domes zu Berlin, der auf dem jetzigen Schloßplatze stand, überführt wurde. Da sich der Sarg Johann Ciceros unter den jetzt im neuen Dom zu Berlin ruhenden vielen Fürsten nicht befindet, ist mir großer Wahrscheinlichkeit darauf zu schließen, daß er sich noch an der Stelle der damaligen Beisetzung im alten Dom befindet. Kaiser Wilhelm II hat 1893 Nachgrabungen nach dem Sarge des Kurfürsten hier anstellen lassen. Wenn auch Menschenknochen in großer Zahl gefunden wurden, so haben sich die Gebeine des Kurfürsten nicht ermitteln lassen.

Im Dom zu Berlin hat man einen prächtigen Sarkophag des zu Arneburg gestorbenen Kurfürsten aufgestellt. Er ist ein vortreffliches Werk der Erzgußstätte Peter Vischers in Nürnberg, des großen Rot-gießers, hergestellt im Jahre 1524 auf Anordnung des Kurfürsten Joachim I (Nestor) zu Ehren seines verstorbenen Vaters. Man sieht den Kurfürsten, wie man ihn in den Sarg gelegt hatte, angetan mit dem hermelinbesetzten Kurmantel, das Schwert in der Rechten, das Kurzepter in der Linken, ruhen. Es ist ein wahrhaft vortreffliches Werk der Gieß-kunst; selten schön ist die Modellierung des ehernen Kurfürstenbildes selbst. Das lockige Haupt zeigt uns bereits jene typischen Züge der Hohenzollern, die uns allen bekannt sind. Eine Ähnlichkeit unseres großen Arneburgers mit dem Könige Friedrich Wilhelm IV ist ganz unverkennbar.

Hatten im Laufe der Jahrhunderte mehrere Mitglieder der askanischen, bayerischen und hohenzollernschen Fürstenfamilien Arneburg zu ihrem Lieblings- und Erholungssitz gemacht, und auf seinem stolzen Schlosse residiert, so war Johann Cicero der letzte Landesfürst, der wenigstens zeitweise sich in den hohen Gemächern der Burg aufgehalten hatte. Alle die Fürsten und Fürstinnen verflossener Jahrhunderte konnten, wie Reinhard um 1800 sehr richtig ausspricht, keinen angenehmeren Platz, wie die Arneburg, finden, um hier in Ruhe und Behaglichkeit zu wohnen und dem geräuschvollen Treiben des Hoflebens fern zu sein. Gleich wie dieser letzte edle Fürst in den Mauern der Feste Arneburg sein Leben aushauchte, so war damit auch das Schicksal der Burg selbst besiegelt, sie begann zu sterben. So wurde sie z. B. unter dem neuen Herrn ein kurfürstliches Gut, das heißt eine Domäne.

Wollen wir uns nun aus der erhabenen Vergangenheit und aus der letzten Zeit ihrer Blüte eine richtige Vorstellung von unserer schönen Burg machen, so müssen wir es jetzt tun, da sie von nun an mehr und mehr in Verfall gerät.

Wie mag die Burg in der vergangenen Zeit überhaupt ausgesehen haben? Bilder existieren leider nicht von ihr. Die alte Feste war anfänglich nur eine hölzerne Burg, von einer hohen Palisadenwand umgeben. Beide steckten, wie wir bereits gelesen haben, die heidnischen Wenden mit ihrer Wurffackel in Brand. Diesen Holzbauten folgte später die Warte, der feste hohe Turm mit feldsteinernem Mauerkranze.

Dann endlich kam ein aus Backsteinen aufgeführtes Schloß, dem die Pracht und Zierlichkeit gotischer Türme und Erker nicht fehlte. Es wird das Schloß als ein überaus großartiges, umfangreiches, mit starken Ringmauern, die an die Stelle der früheren Palisadenwand traten, und mit tiefen Wallgräben gesichertes Gebäude geschildert. Der hohe hufeisen-förmige Burgturm überragte das Ganze um ein Beträchtliches. Das Erdgeschoß der Burg barg die Vorratskammern und Keller, darüber befand sich der allgmeine Pallas oder Saal zum täglichen Verkehr, zu dem eine breite Treppe vom Burghofe hinaufführte. Ob die Ringmauer nun für den Bereich des Burggrundstückes gesondert bestand, oder ob sie sich an diejenige der Stadt anlehnte, lassen wir dahingestellt sein. Das Erstere ist wohl wahrscheinlicher, da die Burg einen vollkommen gesonderten Komplex darstellte. Während Reste der Stadtmauer nicht mehr aufzufinden sind, ist doch ein großes Stück der Ringmauer der Burg auf der Westseite des Grundstückes erhalten geblieben. Es steht hart am tiefen Burgwalle und gibt uns in seiner außerordentlich massiven Bauart Zeugnis von der einstigen Widerstandsfähigkeit der Burg.

Dieses Mauerwerk hat eine Höhe von 4 m und ist mit zahlreichen Schießscharten gegen Westen versehen. Durch 2 Tore gelangte man in den großen Burghof, das eine von Norden, der Burgstraße her, als das wohl weniger wichtige und dann das zweifellos am meisten benutzte von Westen her im Zuge der jetzigen Elbstraße.

Die Tore wurden durch besondere Torhüter scharf bewacht. Beide Zugänge sind auch in der Gegenwart noch die einzigen, durch die man auf das alte, historische Grundstück gelangen kann.

Alles was bezüglich der Ringmauer mit ihren Türmen, Weichhäusern usw. sowohl, als auch bezüglich ihrer Armierung und der scharfen Bewachung der Stadt gesagt ist, (bei 1005) gilt in vollem Maße auch bezüglich der starken Verteidigungsanlage der Burg. Der diese um-gebende, sehr tiefe, nach Süden und Westen gelegene Wallgraben (den Ost- und Nordabhang bildete der natürliche steile Burgberg), der in seiner damaligen Gestalt fast vollkommen erhalten ist, trug im Wesentlichen zur Verteidigung der Burg bei. Ein Überschreiten dieses Wallgrabens war nur an den beiden Toren der Burg möglich. Während der Aufgang zum nördlichen, im Zuge der Burgstraße gelegenen Tore einer hervorragenden Sicherung wohl nicht bedurfte, da die Stadt als solche ja gesichert war, hat vermutlich der außerhalb der Stadtmauer gelegene Westaufgang im Zuge der Elbstraße eine besondere Sicherung durch eine Zugbrücke (uffgenden brucken) gehabt. Auf der Böschung dieses mit Gras bewachsenen Wallgrabens wurden Obstbäume ange-pflanzt. In friedlichen Zeiten brachte der Graben auch Einnahmen, sowohl die Gras- als Obstnutzung waren verpachtet, und führten dem Burg- bzw. Stadtsäckel wohl manchen Groschen zu. Außerdem liegt die Vermutung nahe, daß wie es bei Nachbarburgen der Fall war, den Pächtern die Verpflichtung auferlegt wurde, den Wallgraben stets in guter Verfassung zu erhalten, ohne irgend welche Entschädigung dafür beanspruchen zu dürfen. Man sieht hieraus, daß auch "in der guten alten Zeit" die braven Burgsassen oder gar die Stadtväter, wem die Aus-nutzung nun gerade zugestanden war, es ganz meisterlich verstanden, ihren lieben Bürgern alle möglichen Lasten ohne jegliche Gegenleistung aufzuhalsen.

Im Bereiche des Burgberges, hinter dem Burghofe bestand ein alter, schöner Park, den wir zum Teil heute noch vorfinden.

In ihm lustwandelten die hohen Insassen des Schlosses und träumten in die Ferne der tief unten liegenden Ebene. Ferner stand innerhalb des Rayons des Berges die sehr alte Burgkapelle und das Domstift.

Auf dem Anger der Burg, auch jetzt so genannt, einem breiten jenseits des Burgwalles nach der Stadtseite zu gelegenen Wege fanden die Reiter-spiele, Turniere usw. statt. Auf ihm vergnügten sich in ihren freien Stunden die Ritter mit ihren feurigen Rossen. Daher nannte man den Anger früher auch den "Reiterwall".

Aber, wie gesagt, verfiel die Burg leider nach dem Tode des Kurfürsten Johann Ciceros im Laufe der Jahrzehnte. Keine Herrscher hatten mehr ein besonderes Interesse an ihr, denn sie residierten meist an anderen, größeren Orten, wie Kölln an der Spree (Berlin). Die Altmark hatte ja überhaupt aufgehört der Mittelpunkt des Staates zu sein. Besuchten die Landesfürsten dennoch auf ihren Reisen die Altmark, so stiegen sie auf der Tangermünder Burg ab. Nach Entzelt (1578, Chronik Nr. 2) soll die Burg zwar um diese Zeit noch von einem Burgwarte bewohnt gewesen sein. Zweifellos aber hatte schon damals der Zahn der Zeit sein Zerstö-rungswerk begonnen.

Dasjenige, was der Natur verheerende Gewalten einst begonnen, hat Menschenhand im Laufe der Jahrzehnte, der Jahrhunderte, vollendet. Von jenem prächtigen Kaiserschlosse sind nach dem im vergangenen Jahrhundert erfolgten Abbruch heute gar keine Mauerreste mehr vorhanden. Mit dem Schlosse verfiel auch die Burgkapelle, die im Mittelalter von so großer Bedeutung war, die "für ewige Zeiten" gestiftet wurde, von der die zahlreiche Geistlichkeit in farbenprächtiger Prozession zur Stadtkirche schritt, jene Burgkapelle, in der Fürsten und Fürstin-nen so oft von den Altären kniend beteten für das Wohl des schwer bedrängten Vaterlandes; sie ging in Schutt und Trümmer. Noch waren 1712 von dieser Kapelle "etluche zweyfach gewölbete theile vorhanden, so dem ansehen nach eigentlich zum Gottesdienste gebrauchet worden; das übrige theil, so auch mit gewölben versehen, mag zur wohnung oder anderen behältnüssen für den Hofstat sein bebrauchet worden. In dem thurm waren gleichfalls noch zwey gewölbe übereinander, beginnete aber alles dachlos zu werden und einzugehen. Hätte auch wohl wegen der noch vorhandenen guten gewölben und insonderheit der schönen aussicht auf die Elbe verdienet erhalten zu werden: insonderheit da es überdem mit einer starken mauer beschlossen, der ganze Schloßplatz aber noch mit einer sonderlichen und ziemlich hohen mauer und tiefen graben vor derselben umgeben gewesen, daher es auch eine Veste, die Veste zu Arneburg, genannt ward: allein die zeit hat sich davon meister gemacht und man ist der zeit zuvor gekommen, die mauern meistenteils abge-brochen und die steine zum neuen bau und ausbesserung einiger Bürgerhäuser angewendet." (Beckmann V. Teil 1 Buch von 1753)

Ja, die Burg liegt danieder, ihre Hallen sind zerstört. Nur eine hohe Säule zeugte von vergangener Pracht. Das war der alte söllerumkränzte ehrwürdige Burgturm, der sich bis 1914 wenigstens teilweise erhalten hatte. Auch dieser letzte Zeug großer Zeit stürzte dann, nicht über Nacht, wohl aber unter der Spitzhacke der Menschen!

Wozu?

Nach dem großen Brande der aus dem Schlosse später entstandenen Ofenfabrik war ein Teil des Schlosses mit seinem Söllerturm ganz vereinsamt stehen geblieben, denn man hatte das daran anschließende Fabrikgebäude bald nach der großen Feuersbrunst abgerissen. Damals bestand das Gerücht, daß das Heroldsamt in Berlin seine Hand auf diesen Rest des Schlosses gelegt habe. Es sollten auch Verhandlungen wegen seiner Erhaltung mit der Krone stattgefunden haben, bis diese nach Besich-tigung durch einen Sachverständigen erklärte, daß sie kein Interesse mehr an jener Burg besitze. So wurde auch der letzte Rest des alten Kaiserschlosses im Jahre 1914 abgerissen. Durch den Wandel der Zeiten hindurch haben sich, außer den bereits genannten, weitere geringe Mauerreste der Umfassungsmauer des Schlosses erhalten, und zwar finden wir sie am steilen Abhange des Burgberges nach der Elbe zu. Hier haben findige Bewohner die Mauer als Rückwand für ihre dort errichteten Wohnhäuser benutzt.

Auch die alten Burgwälle haben sich bis in unsere Tage in ihrer ur-sprünglichen Beschaffenheit durchaus gut erhalten. Sie sind terrassen-artig angelegt und jetzt hauptsächlich auf der Westseite mit Obstbäumen bestanden.

Auf einer sauber gepflegten Promenade, die heute auf den Wällen entlang und auch über das westliche Burgtor hinwegführt, kann man das ganze Burggrundstück umgehen und sich von hier aus des prächtigen Anblickes des tief unten liegenden Elbstromes und der Stadt erfreuen. Eine dichte Fliederhecke, die im Mai aus tausenden und abertausenden von Blüten-ständen ihren köstlichen Duft über die historische Stätte ergießt, begrenzt diese Promenade, deren Abschluß ein kleiner Pavillon bildet, von dessen Ruhebänken man stundenlang in die weite Ferne des ehemaligen Wenden-landes träumen möchte. Aber diese Anlagen sind neueren Datums. Nach dem gänzlichen Verfall des Schlosses, seiner Kapelle usw. blieb die historische Stätte Jahrhunderte lang unbeachtet liegen. Wohl hat sich reisendes Volk an ihr noch ergötzen dürfen, aber niemand machte sich mit liebender Hand an die Arbeit, um sie wieder instand zu setzen, ge-schweige denn sie wieder aufzurichten und der Nachwelt zu erhalten, damit auch sie Freude an ihr empfände und sich erinnere an die der-einstige Glanzperiode des stillen altmärkischen Städtchens Arneburg und seiner ehrwürdigen Kaiserfeste.

"Sed fuimus Troš s!"

sagt Christoph Entzelt 1579 bezüglich der Arneburg und fügt folgenden poetischen Erguß hinzu:

"Hier sahe man vor alten Zeiten

Der großen Fürsten Herrlichkeiten

Wie noch das Überbleibsel weist.

Hier sieht man stolze Segel prangen.

Wenn nun der Winter ist vergangen,

Der Frühling aber kommt gewiß.

Hier schaut man Dörfer, Ström und Felder

Hier sieht man Inseln, Seen, Wälder

Und alles, was das Aug‘ ergötzt,

Zwei Burgen, 5 Städte auch zuletzt."

Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erinnerte, oder besser erbarmte man sich der Burg, nicht aber aus Pietät, oder ihrer land-schaftlichen Schönheit willen, sondern lediglich zu gewerblichen Zwecken. Doch davon später.

In den kommenden Jahrhunderten erfuhr Arneburg überhaupt keine Verbesserung seiner städtischen Verhältnisse. Die Einnahmen, die reine Bürger dem Schlosse und vor Allem der Hofhaltung verdankt hatten, hörten mehr und mehr auf, so daß die Erwerbsquellen der Einwohner auf den Ackerbau und die Schiffahrt beschränkt blieben. Auch die Kämmerei-Einkünfte des Ortes verminderten sich, anstatt, wie dies in anderen Städten der Fall war, sich zu heben. Der Dornröschenschlum-mer begann.

Als einzige Zeugin mittelalterlicher Zeit blieb, wie gesagt, die St. Georgskirche erhalten, die der Arneburger mit Stolz als die älteste Stadtkirche der ganzen Altmark bezeichnet.

Auch der Nachfolger des Kurfürsten Johann Cicero, Joachim I (Nestor) hatte einen harten Kampf mit dem altmärkischen Raubritter-wesen zu bestehen. Aber mit rücksichtsloser Strenge griff er durch. So hatte die zielbewußte Regierung der Hohenzollernfürsten – seit 1415 – nach langem und schwerem Ringen die Selbständigkeit des Adels und der Städte gebrochen und ihre Sonderinteressen dem Gesamtwohle des Staates untergeordnet. Diese Änderung ging natürlich nicht ohne mate-rielle Schädigung des Adels und der Städte vor sich. Aber schon der weise Johann Cicero hatte mit wohlwollender Hand die Schäden gebessert und den Wohlstand der Städte wieder gehoben.

Am 23. September

1507

tauschte der Kurfürst Joachim und der Markgraf Albrecht dem Kapitel zu Arneburg dessen Hebungen aus dem Dorfe Bürs gegen die Hebungen aus Arneburg selbst und aus der Feldmark Vischeide (Wischer) bei Hassel ab.

Gleich wie Friedrich der Fette, so nahm auch Joachim I sich der Juden in der Altmark wieder an und wies ihnen u. a. Arneburg gegen einen erheblichen Schutzzoll (15 – 50 Gulden) als Wohnsitz an. Aber es wurde den Juden die Verpflichtung auferlegt, nicht mehr als zwei Pfennige vom Gulden wöchentlichen Zins zu nehmen. Ferner durften sie auf kirchliche Wertsachen kein Geld leihen. Doch bald richtete sich die Wut des Volkes wieder gegen die Juden, da man ihnen vorwarf, Hostien verbrannt zu haben. Es erhob sich in der Altmark eine allgemeine Verfolgung, in der viele Juden umkamen. Ein großer Teil der aus der Altmark vertriebenen Juden wandte sich nach Polen, Galizien und Böhmen.

Von

1530

an hatte der Kurfürst Joachim I einen Streit zwischen dem Rate zu Werben und dem Domkapitel zu Arneburg zu schlichten. Streitig war die Abführung der Kornzehnten von8 ½ Hufen Landes, die zwischen Werben und Räbel gelegen waren, und dem Domkapitel eigentlich gehörten. Der Kurfürst entschied den Streit, der sich bis 1550 hinzog, zu Gunsten des Kapitels zu Arneburg.

Bemerkenswert dürfte sein, daß die Arneburger Bürger schon um

1533

auf dem östlichen Ufer der Elbe Ländereien und Wälder ihr Eigen nannten. Sie gerieten in diesem Jahre mit den Grundnachbarn, den Herren von Treskau und Arnd Randau zu "Niermark" (Neuermark) in Streitigkeiten wegen der Gemarkungsgrenzen. Diesem Streite machte der Kurfürst Joachim I ein Ende, indem er in einer Urkunde vom 28. Oktober 1533 bestimmte, daß von Treskau die Werschla-Wiese an das Amt Arneburg abzutreten habe. Dann sollte von Treskau in dem Arneburgschen Holze nichts mehr zu schaffen haben und zwischen diesem Holze und seinen Wiesen einen Grenzgraben ziehen. Auch sollten "die von Arneburgk den Wegk von der fehre zu Schluden oder den Nieger-markischen acker nach dem holtze Arneburgk ongehindert gebrauchen können."

Zu der Zeit, die wir jetzt behandeln, war der große Reformator D. Martin Luther hervorgetreten und hatte überall Begeisterung für seine neue Lehre hervorgerufen. Seine Sache verbreitete sich mit elementarer Geschwindigkeit und hatte dann selbstverständlich auch vor den Toren Arneburgs nicht Halt gemacht. In großen Scharen wanderten Hand-werksburschen durch das Land, in ihrer Mehrzahl der Reformation zugewandt. Sie brachten Luthers herrliche Lieder, wie 1546 "Ein feste Burg ist unser Gott", überall hin; die Buchhändler zogen von Stadt zu Stadt und hielten ihre zündenden reformatorischen Schriften feil. Vor allem aber waren es altmärkische Studenten, die nach Wittenberg zogen und von dort das Evangelium in die Heimat mitbrachten. Viele von ihnen haben zu Luthers Füßen gesessen und von ihm gelernt.

Am 03. Dezember

1540

kamen nach erfolgter Einführung der evangelischen Religion die ersten Kirchenvisitatoren, Matthias von Jagow, Jakob Stratner und Kanzler Weinlöben, nach Arneburg. Die Visitatoren gingen überall in schonender Wiese vor, daher fanden sie auch nirgends erheblichen Widerstand, so daß sich die weitere Einbürgerung der neuen Lehre verhältnismäßig glatt vollzog.

Die Reformation führte zur Auflösung des Domstiftes zu Arneburg und damit eine völlige Veränderung der kirchlichen Verhältnisse herbei. Er-halten blieb nur die St. Georgskirche als einziges Gotteshaus und das St. Spiritus-Hospital, von dem wir später erfahren. Bei dieser Kirchenvisitation am 03.12.1540 residierten am Domstift als Chor-herren: Johann Horstmann, Mathes Brunkow, Jakob Melies, Heinricus Wernecke, Johann Schwechten. In Tangermünde waren bestimmungs-gemäß untergebracht die Domherren Heinrich Holthausen und Nicolaus Dames. Alle Stiftsherren erklärten dadurch, daß sie versprachen, die kurfürstliche Kirchenordnung halten zu wollen, ihren Übertritt zur evangelischen Lehre. Damit erfolgte, wie gesagt, die Auflösung des 1459 von Friedrich dem Fetten gegründeten Domherrnstifts St. Maria, weil es infolge der restlosen Bekennung zum evangelischen Glauben belanglos geworden war. Als inkorporierte Lehen des Stifts wurden noch vorge-funden: Das Lehn Maria Magdalena in der Schloßkapelle, das Lehn St. Christophori in der Klause vor Arneburg, ferner die Vikareien St. Nicolai, Johannis Evangelistae und Omnium Apostolorum und das Lehn St. Virginis in der Pfarrkirche. Die Kollatur sämtlicher Lehn stand dem Landesherrn zu. Es waren auch noch ohnedies inkorporiert die Pfarren von Arneburg und Lenzen. Das Einkommen beider Pfarren floß zum Kapitel. Dieses hatte außerdem noch 2 Hufen Landes im Besitz und freies Holz aus dem kurfürstlichen Walde zu beanspruchen. Das Gesamteinkommen des Kapitels an Renten, Zinsen und Pächten betrug 140 Gulden, 17 ½ Schillinge an Gelde, 22 Wispel, 20 Scheffel Getreide von den Familien von Lüderitz, Woldeck von Arneburg zu Storkau, von Sanne zu Jarchau, von Rintorff zu Iden und aus den Orten Arneburg, Tangermünde, Werben, Hassel, Hindenburg, Baaben, Lindtorf, Storkau, Iden, Jarchau, Grassau, Gr. Ellingen, Krusemark. Das Lehn Maria Magdalena, das der Küsterei gehörte, hatte 3 Mark an Gelde, 3 ½ Wispel Getreide an der Ortschaft Schinne, sowie aus Erxleben und Perleberg. Das Lehn St. Christophori hatte an Gelde 11 Gulden 7 Schillinge von der Familie von Itzenplitz zu Grieben, von den Gemeinden Kläden, Grassau und Tangermünde. Jede der 7 Präbenden hatte 2 Wispel Roggen, 27 Scheffel Gerste, ½ Wispel Hafer und 10 Schock an baren Gelde. Der Dekan bekam 3 Schock mehr als die anderen. Die Schloßkapelle selbst hatte 3 Wispel, 3 ¾ Scheffel Weizen aus dem Dorfe Meseberg, 1 Wispel halb Roggen, halb Gerste aus Arneburg. Von diesen Einkünften waren Brot und Wein und andere kirchlichen Bedürfnisse anzuschaffen. Die Einkünfte der 3 Vikareien lassen sich nicht mehr feststellen. An Kleinodien wurden in der Burg-kapelle bzw. im Domstifte vorgefunden: 1 silberne, vergoldete Monstranz, 5 Kelche, 2 Petenen, 4 Ornate, 2 silberne Meßkannen (appuln). Bares Geld war nicht vorhanden. Die Präbenden wurden den Stiftsherren belassen, wogegen sie verpflichtet wurden, dem Pfarrer bei den Abendmahlsfeiern usw. zu unterstützen, auch an den Feiertagen das Amt und die Vesper zu singen. Nach dem Abgange der Stiftsherren sollten deren Ämter nicht neu besetzt werden und damit das Stift sein Ende erreichen. Die Präbenden der beiden in Tangermünde residierenden Stiftsherren wurden eingezogen. Die Einkünfte dieser Präbenden mit dem Einkommen des Lehns Maria Magdalena und der Klause wurde dem Domkapitel zu Kölln an der Spree (Berliner Dom) verschrieben und zwar sollten an Stelle der Naturalien, Pächte und Zinsen dem Einnehmer (Dom-Kapitel-Verwalter) Hans Weiman in Berlin jährlich 100 Gulden Münze entrichtet werden. Das Patronatsrecht an der

Stadtkirche St. Georg,

das bisher dem Domkapitel zugestanden hatte, ging aus Anlaß der Re-formation wieder auf den Landesherrn, den Kurfürsten, über. In der Stadtkirche wurden durch die Visitatoren als vorhanden festgestellt:

1 Monstranz, 1 silbernes, innen vergoldetes Viaticum mit Büchse, 3 Pacems, 5 Kelche, 8 Ornate. Die darüber hinaus vorhanden gewesenen Kleinodien, aus denen ein Bild angefertigt worden war, hatte der Kur-fürst schon vorher aller Wahrscheinlichkeit nach zur Ausstattung einer anderen Kirche, an sich genommen. An Einkommen der Stadtkirche stellten die Visitatoren außer den Lehen fest: 1 ½ Wispel Roggen aus Arneburg, 4 Scheffel aus der Mühle in Groß Ellingen, 30 Scheffel Gerste aus Arneburg, 5 Mark weniger 4 Schillinge Zinsen aus der Stadt, 10 Schillinge aus dem Kruge in Dallchau und eine Breite Acker, deren Ertrag auf 1 Pfund Schillinge geschätzt wurde.

An geistlichen Lehen wurden bei der Kirche vorgefunden:

  1. Das Lehn St. Catharinae, Patron desselben war die Elendengilde zu Arneburg. Dieses Lehn besaß ein Haus und an Einkommen 7 Wispel 10 Scheffel jährliche Pacht aus Arneburg, Werben und Groß Ellingen. Der Altar des Lehns wurde Frühmessenaltar genannt. Nach Entscheidung der Visitatoren kam das Einkommen des Lehns in den gemeinsamen Kasten zur Unterhaltung der Kirchendiener und Schulen. Das Haus bekam der erste evangelische Pfarrer als Wohnung.
  2. Das Lehn St. Simonis et Judae. Patron war der Hohe Rat zu Arneburg. Ein Haus war nicht vorhanden. Die Einkünfte bestanden aus 1 Wispel 4 Scheffel Getreide und 6 Gulden 5 Schillinge aus Arneburg, Poritz, Dölnitz und Klein Schwechten. Auch dieses Einkommen kam in den gemeinsamen Kasten.
  3. Das Lehn St. Jacobi. Patron waren die Gevattern von Pieverling auf Rosenhof und Käcklitz. Ein Haus war ebenfalls nicht vorhanden. Das Lehn hatte 6 Mark 22 ½ Schillinge Einkommen aus Krusemark. Auch dieses Lehn verfiel dem gemeinsamen Kasten.
  4. Das Lehn St. Petri et Pauli. Es war eine Stiftung, des Schenken von Lützendorf, der auch das Kollaturrecht hatte. Das Lehn besaß ein Haus, das von einem Vikar verwaltet wurde, der von dem Kollator jährlich 3 Mark Officiantengeld erhielt. Bei der Refor-mation wurde der Schenk von Lützendorf mit seinen Ansprüchen abgewiesen und das Lehn ebenfalls dem gemeinsamen Kasten zugesprochen.

In der Kirche befanden sich ferner 24 Memorienstiftungen, die leider nicht mehr klarzustellen sind. In dem Visitationsbescheide wurde bezüglich der Stadtkirche weiter festgesetzt, daß der vom Kurfürsten schriftlich berufene Pfarrer im Amte bleiben und ihm ein 2. (Hilfs-) Prediger zur Verfügung stehen, der zugleich rector scholae sein sollte. Diese Anordnung bestand dann bis 1874. Der erste übergetretene Pfarrer evangelischen Bekenntnisses war Andreas Leysenius. Er unterschrieb die Konkordienformel. Sein Name steht bei den Unter-schriften unter den Predigern der Landreiterei Arneburg an erster Stelle. Bei der Erledigung des 1 Pfarramtes sollte der Rat sich um einen anderen "frommen christlichen Pfarrer" bemühen, ihn durch den Super-intendenten in Stendal examinieren lassen und ihn dann dem Kurfürsten präsentieren.

Wie an anderen Orten, so wurde auch in Arneburg zum Unterhalte der Kirche und Schule ein "gemeinsamer Kasten" gebildet, in den, wie wir schon erfahren haben, das Einkommen der Kirche und der 4 geistlichen Lehen fließen sollte. Als Vorsteher des Kastens wurden 4 Männer aus der Gemeinde und zwar aus dem Rate angestellt. Sie sollten an den Sonn- und Feiertagen selbst fleißig mit dem Säckelein (Klingelbeutel) in der Kirche umgehen, auch hätte der Pfarrer zu erinnern, den Kasten mit Gaben und Vermächtnissen zu bedenken. Als Gehalt für den Pfarrer wurden ausgesetzt: jährlich 50 Gulden, 2 Wispel Roggen, 2 Wispel Gerste und an Vierzeitengeld von jedem Erwachsenen (aucz dem stedtlein so des jeden mensche, so allde zum sacramente geht, jehrlichen zu den vier zeiten soll oppfern) 1 Pfennig. Außerdem standen dem Pfarrer die Stolgebühren und freies Holz zu.

Schließlich genehmigten die Visitatoren für den Nachtwächter von Arneburg 7 Scheffel Roggen aus dem Kasten, weil "das Rathaus unvermögend ist".

Die Visitatoren hatten auch gleichzeitig Gelegenheit, alte Rechtshändel zur Entscheidung zu bringen. So wurde ein alter Streit zwischen dem Kapitel und den Eigentümern Peter Fromme und Jacob Runge wegen 2 vor Werben gelegener Hufen Landes zu Gunsten des Kapitels entschieden.

Die Einführung des evangelischen Glaubens hatte auch die Auflösung der vor der Stadt bestandenen Klause zur Folge. Über Gründung und Lage dieser Klause ist leider gar nichts festzustellen gewesen. Einwandfrei steht nur fest, daß sie dem heiligen Christophorus geweiht und dem Domstift inkoporiert war. Das Einkommen des Lehns wurde durch die Visitatoren dem Dom zu Kölln an der Spree zugewiesen. (Über die in der Reformation getroffenen Einrichtungen des gesamten Kirchenwesens zu Arneburg vergl. Anhang Urkunde 11.)

Bald nach der Visitation

1544

führte Friedrich Schenk von Lützendorf beim Kurfürsten Klage darüber, daß ihm von den Visitatoren ein vor zweihundert Jahren gestiftetes Lehn entzogen worden wäre. Er habe die Absicht, sich auf einer wüsten Feldmark bei Storkau anzusiedeln und dort einen Prediger anzustellen, wozu er die Einkünfte des Lehns behalten möchte. Dagegen wolle er fortab jährlich 3 Mark stend. als Besoldungsbeitrag für den Arneburger Pfarrer entrichten. Zugleich bittet er den Kurfürsten, daß er das zu seinem Burglehnshause in Arneburg gehörige Lehn in der Arneburger Kirche einziehen dürfe. Für die Einkünfte sollte nach alter Sitte ein Prediger Messe lesen. Da nun doch die Messen angeschafft seien, wolle er die Einkünfte zu dem von ihm gedachten Zwecke verwenden. Der Kurfürst antwortete, daß er zwar Patron des Lehns sei, daß ihm jedoch kein Verfügungsrecht über die Nutzung zustehe, sondern daß er lediglich das Recht hatte, beim Abgange eines belehnten Priesters einen neuen zu präsentieren. Das Einkommen selbst stehe dem Priester an der Pfarrkirche zu. Dieses Lehn könne keinesfalls anders verwendet werden, sondern es müsse da, wo es gestiftet sei, auch verbleiben, und so müßten die Einkünfte zur Aufbesserung des Pfarrergehaltes verwendet werden. Folglich könne er an der Entscheidung der Visitatoren nichts ändern.

1544

drohte der Kurfürst Joachim dem Domstifte zu Arneburg, das ja bis zum Aussterben der Domherren weiterbestehen sollte, an, alle seine Einkünfte sogleich einzuziehen, wenn es nicht den dem Sifte zu Kölln an der Spree inzwischen zugewiesenen Anteil willig an dieses verabfolgen wolle. Zu gleicher Zeit wies er den Amtsschreiber zu Tangermünde zum Eintreiben der dem Domstifte zu Kölln beigelegten Einkünfte des Stiftes Arneburg an. Aus dieser Maßnahme erklärt sich die bis in die Mitte des vorigen (19.) Jahrhunderts bestehen gebliebene Dom-Kapitel-Verwaltung in Tangermünde, die zu Gunsten des späteren Domes zu Berlin Gefälle aus Arneburg usw. einzuziehen hatte.

Den Kalandsbrüdern wurden durch die Visitatoren die Einkünfte des letzten Jahres belassen, der Rest der kurfürstlichen Kasse zugeführt. Im Jahre

1548

wurde die ganze Altmark von einer verheerenden Pest heimgesucht, jedoch blieb Arneburg sonderbarer Weise verschont. Schon damals war man sich darüber klar, daß die Höhenlage der Stadt die Ausbreitung der Pest nicht zuließ.

In demselben Jahre erreichte übrigens die Vereinigung der Kalands-brüder ihr Ende. Der Kurfürst hob dieselbe mit Genehmigung des Papstes Eugen IV. in der ganzen Altmark auf.

Auch die Elendengilde hatte in Arneburg mit der Reformation zu be-stehen aufgehört. Ihr Geldbestand kam in den gemeinsamen Gotteskasten (Kirchenkasse).

Daß die ersten Visitatoren ein sehr umfangreiches Arbeitsfeld hatten, erhellt auch aus der Tatsache, daß sie zugleich Bestimmung getroffen hatten über die Besoldungsverhältnisse der Lehrer. Der Schulmeister von Arneburg, der zugleich Stadtschreiber und Küster war, erhielt das aus dem Lehn St. Petri et Pauli stammende Küsterhäuslein als Wohn-sitz. Er hatte die Schulkinder im Lesen und Katechismus zu unterrichten und erhielt als Besoldung 20 Gulden, 1 Wispel Roggen aus der Kirche, 1 Pfund Pfennige vom Rate und zu Weihnachten aus jedem Hause 1 Wurst oder 3 Pfennige. Die 10 Pfennige, die dem Schulmeister zuvor aus jedem Hause zugestanden hatten, und seine bisherigen Einkünfte an Sporteln, aus den Memorien, der Betglocke, dem Zeigerstellen an der Turmuhr und dem Melchisedeck sollten in den gemeinsamen Kasten fließen, der Schulmeister aber dafür Gebühren bei Taufen und Begräb-nissen beibehalten. (Gab es denn in Arneburg Melchisedeckianer, die lehrten, daß Melchisedeck eine Kraft Gottes und höher als Christus sei?)

In den Jahren

1583, 1591 und 1598

wütete abermals die Pest in der Altmark und forderte ihre zahlreichen Opfer. Auch diesmal wurde Arneburg völlig verschont, obwohl alle umliegenden Ortschaften verseucht waren.

Während des Altertums waren ganz selbstverständlich keinerlei Register über den Personenstand geführt worden. Auch das Mittelalter legte keinen Wert darauf. Erst nach der Einführung der Reformation, und zwar weil die evangelische Kirche ein Interesse daran hatte, die Zuge-hörigkeit ihrer Glieder festzustellen, sind die Kirchenbücher über Taufen, Trauungen und Sterbefälle entstanden. Die Kirchenbücher Arneburgs beginnen allerdings aus einem nicht erkennbaren Grunde erst viel später. Es stammen z. B.

das 1. Geburtsregister aus dem Jahre 1683,

das 1. Sterberegister aus dem Jahre 1657,

das 1. Trauregister aus dem Jahre 1674.

Im Mittelalter hatte Arneburg auch ein bereits bei der Einführung der Reformation genanntes Hospital zum heiligen Geist (St. Spiritus). Die Gründungszeit dieses Gebäudes ist leider nicht bekannt, da zu Anfang des 18. Jahrhunderts eine Predigerwitwe Quistorp, eine Italienerin aus Cremona, die alten Akten samt der Stiftungsurkunde aus Rache, ver-mutlich darüber, daß sie nicht in das Hospital aufgenommen wurde, ver-brannt hat. Durch den Bericht der Hospitalvisitation vom Jahre 1760 ist diese Tatsache ausdrücklich festgestellt. Jedenfalls lag das Hospital an der Stelle des jetzigen in der Sandauer Straße. Nach der Reformation blieb es, wie gesagt, bestehen.

Im Jahre

1600

wurde es durch den Bürgermeister Caspar Franke und den Landreitern Heinrich Henrichs verwaltet. Diese hatten ihr ganz besonderes Augen-merk darauf zu richten, daß nur wirkliche Arme und keine "Faulpelze" in das Hospital aufgenommen wurden. Bei dem geringen Einkommen (1578 – 1600 jährlich 3 Gulden 10 Schillinge 4 Pfennige, 3 Wispel 18 Scheffel halb Roggen, halb Gerste) konnte das Hospital natürlich nicht viele Insassen gehabt haben. Ob eine Vergrößerung, welche die Kirchenvisi-tatoren durch freiwillige Gaben gottesfürchtiger Leute anstrebten, zu-stande gekommen ist, erscheint ungewiß.

Im Jahre 1600 wurden aus Anlaß einer erneuten Generalkirchen-Visitation die Gehälter der Pfarrer und des Schulmeisters aufgebessert. Es erhielten von nun an:

  1. der Pfarrer: 3 Wispel 3 Scheffel Roggen, 2 Wispel Gerste, 50 Gulden, Ertrag des Vierzeitengeldes mit ca. 3 Gulden, freies Holz und freie Mast im Eichenwalde von Klein Bürs für 2 Schweine;
  2. der Schulmeister: 30 Gulden, 1 Wispel 30 Scheffel Roggen, außerdem 3 Scheffel Roggen für das Führen des Kastenregisters, ferner 20 Groschen vom Rate für das Stellen des Zeigers der Turmuhr, 2 Pfennige von jeder Taufe, 8 Pfennige von jedem Begräbnis, aus jedem Hause jährlich 1 Wurst oder eine Ternose, freies Brennholz und freie Mast für 1 Schwein im Eichenwalde.
  3. Der Kastenknecht erhielt 5 Gulden und 3 Scheffel Roggen.

Dem Pfarrer und auch den Ratsherren stand die Schulinspektion zu.

Nicht unerwähnt möge bleiben, daß Arneburg bereits im Mittelalter (um 1600) eine besondere Brauergilde hatte, deren Bier "betere di noch" genannt wurde. Diese Gilde hatte eine nicht zu verkennende Bedeutung. Oft genug entstanden ihretwegen Streitigkeiten mit den Höfen und der Stadt wegen der Entrichtung der Bierziese.

Ja, die Arneburger sind eben von je her an einen guten, vor allen Dingen aber auch billigen Schoppen gewöhnt gewesen, den sie sich nicht streitig machen lassen wollten, den sie so gern in der beschaulichen Abendruhe des hübschen Kleinstädtchens nach getaner Arbeit "einnahmen".

Aber, wenn auch die Bewohner der Altmark in den letzten hier beschrie-benen Jahrzehnten in Ruhe und Behaglichkeit ihre Tage verleben durften, so war nach der Reformation die Not des Landes wieder eine recht große geworden. Sie wurde erhöht durch die zahllosen vertriebenen Geistlichen und Lehrer katholischen Bekenntnisses, die umherzogen und der öffent-lichen Mildtätigkeit anheimfielen. Außerdem zogen Gardisten, bettelnde und marodierende Landsknechte, einzeln und in Gruppen durch das Land und brandschatzten überall in Städten und Dörfern. Das waren die Vor-boten des dreißigjährigen Krieges. Unter den Übelständen, die dem Aus-bruche des großen Krieges vorausgingen, trat besonders die heillose Münzverwirrung und Münzverschlechterung hervor, die unter den Namen "Kipper" und "Wipper" bekannt ist. Die alten vollwichtigen Münzen wurden sämtlich aufgekauft, eingeschmolzen und mit bedeutend geringerem Gehalt wieder in Verkehr gebracht. Diese Stücke vielfach "Schrecken-berger" genannt, wurden zuletzt fast wertlos, während der Preis für die alten guten Münzen – genau wie in unseren Tagen – ins Ungeheure stieg. So kostete ein alter Reichsthaler 1622 schon 10 Gulden Goldes. Durch Münzedikte und Reduktionen wurde endlich dem Unwesen ein Ende gemacht, denn es hatte in verschiedenen Städten (Tangermünde usw.) schon erhebliche Unruhen gegeben, die durch die große Teuerung und Hungersnot heraufbeschworen wurden. Schon damals prägte die Stendaler Münze "Notpfennige".

So war schon, ehe der Krieg die Altmark selbst berührte, die Not im Lande groß. Die öffentlichen Mittel Arneburgs reichten gerade noch aus, um im Jahre

1605

ein neues Schulhaus auf dem alten Kirchhofe zu erbauen, das dann bis 1795 stand.

In der Verfassung aller altmärkischen Städte trat insofern eine Änderung ein, als die Zahl der Ratsmitglieder zumeist verringert wurde, dagegen befestigte sich die Einrichtung des sogenannten Ratsmittels. Das Ratskollegium zerfiel doch in 2 Hälften, die aus je einem Bürgermeister und mehreren Ratsherren bestanden, welche abwechselnd die Verwaltung führten. Jährlich fand der Wechsel, die "Wandlung" genannt, statt. Der regierende Teil wurde der sitzende, oder neue, der andere der alte Rat genannt. Wenn es sich um die Aufbringung von Steuern pp. handelte, so wurde die ganze Bürgerschaft vom Rate zu einer großen Versamm-lung, der "Beisprache" zusammengerufen.

Über grausame Marter, mit denen in jenen Tagen an Verbrechern schreckliche Justiz geübt wurde, berichtet Ritner in seinem Altmärkischen Geschichtsbuch vom Jahre 1651 z. B. bezüglich der Hinrichtung von Brandstiftern in Tangermünde: "Sie wurden durch Urteil und Recht zum Tode verdammt, also daß diesen Personen alle Finger an der rechten Hand mit glühenden Zangen abgekniepet, ferner mit solchen Zangen sie an ihren Leibern und Gliedern etliche mal zerrissen und darauf auf 3 Pfähle geschmiedet, zwischen Himmel und Erden in Rauch und Schmauch starben, zuvor aber unaussprechliche Marter, in dem die Personen fast bis an den Abend gelebet, ausstehen müssen." Alle solche Marter waren zumeist die Folge des damals stark vertretenen Aber-glaubens. Man vermutete in solchen Leuten teuflische Geister, die man zu beseitigen suchte. Als Zeichen solchen Aberglaubens wird ferner von Ritner geschildert, daß von Ende des Jahres

1618

bis Anfang 1619 "Gott einen erschrecklichen Kometenstern in Gestalt einer feurigen Rute sandte, welcher etliche Wochen nacheinander sich sehen ließ, und dessen Wirkung gegen die Altmark leider bald darauf zu Tage getreten ist als Vorzeichen des dreißigjährigen Krieges." Während bis

1626

Arneburg fast ganz von den Wirren des eigentlichen Krieges verschont geblieben war, so besetzte bald danach der dänische kommandierende General Fuchs vorübergehend die Stadt. Die Bürgerschaft versuchte sich zur Wehr zu setzen, natürlich vergeblich. So hausten denn die Dänen mit roher Gewalt, sie stahlen und raubten alles, was nicht niet und nagelfest war und ließen selbst die Kirche ihrer Glaubensgenossen und den Gottes-kasten nicht verschont.

Am 11. Juli

1631

zog der Schwedenkönig Gustav Adolf von Stendal kommend durch Arneburg, um sich nach seinem Stabsquartier Werben zu begeben. Da der kaiserliche Feldherr Tilly inzwischen bis Wolmirstedt gekommen war, und seine Reiterei schon bis Burgstall vorgeschoben hatte, sammelte Gustav Adolf am 15. Juli seine Reiterei bei Arneburg und rückte bis zum Abend nach Bellingen dem Feinde entgegen. Einige Tage später war Tilly durch Umgehung, aber unter ständigen Verlusten, die ihm durch die in den Büschen versteckten schwedischen Musketiere zugefügt wurden, über Arneburg gekommen und beschoß am folgenden Tage das schwe-dische Lager bei Werben. Bald darauf hatte sich Tilly unverrichteter Sache über Arneburg nach Tangermünde zurückziehen müssen. Aber der Mangel an Proviant war so groß geworden, daß er mit dem übrigen Kaiserlichen Heere die Altmark gänzlich verließ und sich nach Süden wandte. Nun hatte Arneburg einige Zeit Ruhe.

Aber schon am 10. Oktober

1635

besetzten sächsische Truppen Stendal und Umgebung, wo sie fürchterlich hausten. Nachdem die Sachsen neuerdings durch die schwedischen Truppen des Generals Baner vertrieben waren, besetzten letztere wieder die Altmark. Durch den Aufenthalt und die Durchmärsche der feindlichen Parteien hatte auch die Umgebung Arneburgs sowohl als die Stadt selbst recht schwer gelitten. Sie wurde

1636

von den Kaiserlichen geplündert. Die Bauern der Umgebung hatten ihre Höfe verlassen und hausten meist in Wäldern und Sümpfen. Leer stehende Gehöfte wurden von den abziehenden Truppen niedergebrannt. Selbst Kirchen und Friedhöfe verschonten die Truppen nicht. In Arneburg erbrachen Kaiserliche Soldaten die Gruft des Markgrafen Friedrich des Jüngeren, raubten sie aus und schütteten sie zu. Daher hat man heutzutage den Ort jener Gruft nicht mehr feststellen können, wie man ja auch nicht einmal mehr den Ort der Burgkapelle, in der das Grab lag, mit Sicherheit zu bezeichnen vermag.

Um das Maß des Schicksals voll zu machen, hatte eine Mäuseplage im Jahre

1637

die ganze an sich schon recht bescheidene Ernte vernichtet. So wurde die Hungersnot, zumal bei der drückenden Belegung der Stadt durch die Truppen, recht bitter. Man stellte Brot aus Kleie, Spreu und Eicheln her. Mit Heringslake salzte man in Wasser gesottenes Kraut oder Gras. Das Aas gefallenen Viehes wurde verzehrt. In Stendal verspeiste ein Soldat im Hause des Bürgers Lorenz Büschel in der Großen Bruch-straße ein Kind. Ein dicker Bauer namens Ebel R e p p i n aus Bellingen wurde von marodierenden Soldaten in Tangermünde geschlachtet und aufgegessen.

1638

wurde Arneburg sogar zweimal geplündert. Von solchen Plünderungen der damaligen Zeit macht man sich gegenwärtig gar keinen Begriff. Ein geplünderter Ort war total ausgeraubt. Alles, was überhaupt nur transportfähig war, wurde weggeschleppt, so daß den Einwohnern nichts anderes übrig blieb, als die Heimat vorübergehend zu verlassen,, um in anderen, der Plünderung entgangenen Orten der Mildtätigkeit anheim zu fallen. So kam es, daß Ortschaften monatelang vollkommen menschenleer waren. Nach Abzug der plündernden Besatzung wagten sich die Bewohner nur scheu zurück, um gänzlich von vorn anzufangen, und sich aus der bittersten Not wieder emporzurappeln, so gut es eben ging. Helden waren das in des Wortes wahrster Bedeutung. Diese knappen Schilderungen mögen schon als Kennzeichen der damaligen Not und Verzweifelung dienen. Trotzdem aber harrte das geplagte Volk geduldig im festen Gottvertrauen besserer Zeiten.

Im Jahre

1644

rückten noch einmal Kaiserliche Truppen in die Altmark ein, nachdem sie diese das vergangene Jahr in Ruhe gelassen hatten. Am 24. Juni 1644 zog der General Graf Gallas, von Tangermünde kommend, bei Arneburg über die Elbe, um sich nach Holstein zu begeben.

Von den Leiden des dreißigjährigen Krieges war die Altmark wie kaum eine andere Gegend Deutschlands betroffen. Jahrzehntelang waren die Äcker nicht mehr bestellt. In dem auf diesen gewachsenen Gestrüpp und Gebüsch hausten zahlreiche Raubtiere. Am meisten vertreten waren die Wölfe, die vom Hunger getrieben, bis in die Ortschaften kamen. Erst der Große Kurfürst (1640 – 1688) half nach Kräften dem vollständig ausgemordetem und ausgeraubtem Lande wieder in die Höhe. Die traurigen Verhältnisse, die der Krieg mit sich brachte, wirkten natürlich außerordentlich hemmend auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der Altmark, denn sie wurde nicht nur gehemmt, sondern sogar erheblich zurückgeworfen. Höchst bedauerlich war das pietätlose Verhalten gegen die alten Baudenkmäler, Schlösser, Burgen usw. Um Material zum Aufbau von Wohnhäusern zu gewinnen, scheute man sich nicht, Hand an die schönsten alten Bauten zu legen. So wird man zweifellos auch die alte Arneburg nicht verschont haben, um dem historischen Boden erhabene Zeugen großer Zeit zu rauben. Durch die unaufhörlichen Greuel und Gewalttaten des Krieges war das Volk entsetzlich verwildert. Unter den Kriegsstürmen war die Pflege der Kunst und Wissenschaft untergegangen. Erst in der letzten Zeit des Krieges bemühte man sich, vorwärtszukommen und sah ein, daß es Landfremde waren, unter denen man so entsetzlich hatte leiden müssen.

Während der Dauer des dreißigjährigen Krieges war auch das St. Spiritus-Hospital in Arneburg eingegangen, wohl weil jedermann bei der herrschenden dringenden Not auf sich angewiesen war und so für das Wohl der Insassen des Hospitals nicht ausreichend gesorgt werden konnte. Selbst das Gebäude war von feindlichen Truppen zerstört worden. Aber bald nach Beendigung des Krieges entstand es von neuem und zwar als städtisches Eigentum. Dieses 2. Hospital soll von einem Fräulein Woldeck von Arneburg auf Storkau erbaut und dann der Stadt zur Verwaltung übergeben worden sein. Es lag, wie das alte Hospital in der Sandauer Straße.

Das Arneburg auch kurfürstlich brandenburgische Garnison war, ergibt sich aus einer Notiz vom Jahre

1672,

welche besagt, daß zu dieser Zeit 1 ½ Kompanien des Leibregiments zu Pferde hier ihren Standort hatten. Die Truppen lagen, wie wohl allerorten zu jener Zeit in Bürgerquartieren; Kasernements fehlten natürlich. Der Exerzierplatz und die Reitbahn befanden sich vor den Scheunen in der jetzigen Elbstraße. Noch heute führt daher der hier westlich der Schule liegende freie Platz den Namen "Reitbahn".

Am 16. Mai

1679

bewilligte der Große Kurfürst für Arneburg die Abhaltung von Märkten und zwar:

"1. Donnerstags nach Quasimodogeniti – Viehmarkt und des

freytags Krahmmarkt,

2. den 27. Juni Krahmmarkt,

3. Donnerstags vor Galli Vieh- und des freytags Krahmmarkt,

wobei dem Magistrat verstattet worden, von ieden stukke des verkaufften grossen viehes 3 pfennig, und von dem kleinen 1 pfennig zunehmen."

Verschiedene Städte der Altmark, so auch Arneburg, hatten vor alter Zeit von dem Landesherrn gewisse Jagdgerechtigkeiten erhalten. Es stellte sich jedoch heraus, daß die Städte dieses Recht oft mißbrauchten, so daß Wildereien und teilweise ein starkes Abnehmen des Wildbestandes eintraten. Die Klagen darüber kamen an den Kurfürsten, der die gegebenen Freiheiten zwar in ihrem Wesen den Gemeinden beließ, sie jedoch dahin einschränkte, daß nicht die Bürger, die durch die Ausübung der Jagd nur in ihrer Hantierung gestört würden, sondern die Magistrate die Jagd zu verwalten, aber auch nicht etwa selbst zu jagen, sondern die Jagd von besonders angestellten Schützen handhaben zu lassen hätten. Die diesbezügliche Urkunde lautet:

"Wir Friedrich Wilhelm pp. Weil wir mißfällig vernehmen, daß diejenigen Städte, welche Wir mit eigener jagdgerechtigkeit gnädigst ausgestattet haben, sich derselben also nicht, wie sich’s gebührt, gebrauchen, sondern der Magistrat entweder einen jeden aus der Bürgerschaft das schiessen und hetzen promiscue verstattet, oder auch sonst auf andere Weise wider Weidemanns recht und manier handeln lässet, als dessen unterschiedliche klagen von einem und anderen bei uns einkommen, so haben Wir demnach gnädigst resolviret, hierunter durchgehends eine änderung zumachen, und wollen, daß hinfüro in den Stäten, so eigene Jagtgerechtigkeit zu exerciren befugt sind, solche zuvorderst den Magistraten allein gelassen, keinem aber aus der Bürgerschaft, in betracht dieselben ihre ordentliche handtierung liegen lassen, und dem Wildprat nachgehen, davon etwas versteattet werden solle: die Magistratspersonen aber sollen ebenfalls die Jagten nicht selbst für sich und ohne unterschied exercierenü sondern einen gewissen und tüchtigen Schützen dazu halten, welcher in Unsere und ihre pflicht genommen werden soll. Wir haben euch demnach solches gnädigst notificiren und zugleich anbefehlen wollen, euch nach dieser Unserer gnädigsten Verordnung unterthänigst und gehorsamst zuachten, und wann ihr entweder bereits einen Schützen habt, oder doch, wie Wir gnädigst wollen, förderlichst einen annehmen werdet, Uns dessen Namen sofort zu berichten. So wollen Wir iemand von Unsern Jagtbedienten abordnen, welcher denselben in Unsere pflicht nehme, auch wie er von euch beeidet wird, anhören soll. Welcher Schütze dann bei euch zustehenden Jagdgerechtigkeit sich in behörigem terminis zuhalten, und wider die befugnis nichts vorzunehmen hat. Anders Wir bei entstehendem dazu die verantwortung von euch zufordern wissen werden." Gegeben Kölln an der Spree, den 04. Mai 1686.

Ein Überbleibsel dieser Flurschützen dürfte die Stelle des noch in unseren Tagen in Arneburg vorhandenen "Feldhüters" sein.

Am 17. August

1688

wurde der Arneburger Pfarrer Bötticher vor dem Altar der Kirche beigesetzt. Sein Grabstein bildet jetzt die Eingangsstufe der Tür im Nordflügel der Kirche.

Im Jahre 1688 waren anstelle des inzwischen verlegten Reiterregiments 1 ½ Kompanien des Infanterieregiements Kurprinz in Arneburg garnisonsmäßig untergebracht.

Ende des 17. Jahrhunderts (etwa 1690)

ging man daran, das Innere der St. Georgskirche, das in den ver-flossenen 500 Jahren recht unansehnlich geworden war, zu renovieren. Die Kirchenwände sowohl, als auch die Bänke wurden mit weißer Farbe gestrichen, um dem Innern des Gotteshauses einen sauberen und zugleich freundlichen Eindruck zu verschaffen. Das jetzige Pfarrhaus, etwa 1700 gebaut, war bis 1714 Schule, wurde aber dann zur Pfarrei eingerichtet, weil das alte Pfarrhaus einzufallen drohte.

Aus Anlaß der feierlichen Bewillkommnung des ersten Königs von Preußen, Friedrichs I., in Tangermünde erhielt die Stadt Arneburg von unbekannter Seite eine "Stadtfahne" aus blauem Taft gestiftet. Diese Fahne zeigte auf der einen Seite die Buchstaben "F. R." und die Worte "Pro deo Rege et patria", auf der anderen Seite das Arneburger Stadtwappen.

Den beim Jahre 1493 erwähnten Grabstein eines Geistlichen fand man im Jahre

1710

in einem Gäschen wieder. Er war auf der Rückseite mit einer langen hebräischen Schrift versehen. Erst als eine vornehme Reisegesellschaft aus Tangermünde sich für den Stein interessierte, wurde er umgedreht, wobei sich ergab, daß ein Jude den Grabstein des katholischen Priesters gestohlen, sich zu eigen gemacht und ihn als Grabstein für seine Glaubensgenossen verkauft hatte. Aus Rache hierüber wurde der Stein in Stücke geworfen.

Bis zum Jahre

1712

hatte sich das alte Schloß mit der dazu gehörigen Kapelle in seinem Grundbau so ziemlich gut erhalten, jedoch standen, wie bereits erwähnt, die Gebäude damals schon zum Teil dachlos und allen schädigenden Einflüssen der Witterung preisgegeben.

Bis zum Jahre

1713

hatte Arneburg ein besonderes Rathaus, das mit einem hohen Turme geschmückt gewesen sein soll und in der Mitte der Breiten Straße ge-standen hat. Dieses Rathaus ist jedoch im genannten Jahre "für alter eingefallen", und dann abgerissen worden. Das jetzige Rathaus ist ein Miethaus an der Ecke der Breiten und Tangermünder Straße.

Ein heftiger Sturm hatte

1716

die Knöpfe und die Wetterfahne vom Turme der St. Georgskirche abgerissen, und auf den Friedhof, der die Kirche umgab, herunter-geworfen.

Unter dem Könige Friedrich Wilhelm I. setzte bezüglich der Verwaltung des Landes eine außerordentliche Genauigkeit und Sparsamkeit ein. Die Altmark nahm einen großartigen Aufschwung. Für die Altmärkischen Städte sind die Königlichen Verordnungen wichtig, durch welche die bisherigen Verfassungen geändert wurden. Sie betrafen die Aufhebung der "Ratswandlung", des bisherigen Wechsels zwischen dem alten und dem neuen Rate. Es wurde um

1719

ein ständiger Magistrat mit einer noch geringeren Zahl von Mitgliedern gebildet und die Vertretung der Bürgerschaft durch Stadtverordnete angeordnet. Im Jahre

1728

verankerte man den inzwischen noch geborsteten Turm der Kirche. Er wurde auf der Westseite neu gedeckt, von oben bis unten übertüncht, die Ecken mit gelben Quadern geziert, Knöpfe und Wetterfahne von neuem aufgesetzt. Im Jahre

1729

legte man für die Garnison Arneburg im Kreuzteile der Kirche Emporen an, um den Soldaten einen ständigen Platz im Gotteshause zu sichern. Des Königs Soldaten gehörten freiwillig zu den eifrigsten Kirchgängern, daher auch ihr Wunsch nach eigens für sie hergerichteten Plätzen.

Am 11. Juli

1733

entstand durch Blitzschlag ein größeres Schadenfeuer auf dem Gehöfte des Gastwirtes Steffen Schmidt. Der Brand konnte jedoch, ehe er weiter um sich greifen mochte, von der Bürgerschaft unter Beistand der sogleich alarmierten Garnison gelöscht werden, so daß er auf das betreffende Gehöft beschränkt blieb.

Bald hatte sich das immerhin schon geräumige Gotteshaus abermals als zu klein erwiesen, und so entschloß man sich im Sommer

1737

"für die Bürger und deren Gesinde" im Längsschiffe der Kirche ebenfalls Emporen anzulegen. Die Anlage dieser Emporen scheint ihren Grund darin zu haben, daß die Kirche bei den gewöhnlichen Predigten so überfüllt war, daß die Schaffung weiterer Unterkunftsmöglichkeiten von unabwendbarer Notwendigkeit wurde. Damals hatte man eben unstreitig fleißigere Kirchenbesucher als in unseren Tagen.

Friedrich der Große erließ am 05. Oktober

1742

eine Verordnung, durch die er die Jagdordnung vom 04. Mai 1686 abänderte. Sie lautete folgendermaßen:

Wir Friedrich pp. Nachdem Wir allergnädigst resolviret haben

und wollen, daß sämtliche Jagten der Städte an die meistbietenden

verpachtet, und die pachtgelder zum besten der Bürgerschaft bei der

Kämmerei berechnet werden sollen: als habt ihr sothane Jagten zur

Licitation bringen zu lassen, und hiernähst davon zur approbation

zu berichten."

Im Jahre

1743

erging seitens des Königs Friedrich des Großen an die Magistrate der ganzen Altmark ein Befehl, in jeder Stadt ein ausführliches Grund- und Lagerbuch, auch Invertarium "von allen beweglichen und unbeweglichen Gütern der Rathäuser, Gerechtigkeiten, hohen und niederen Regalien, Ländereien, Forsten, Heiden und Grenzen" mit den zugehörigen Heberegistern, Anführung der Dokumente und Tiulorum anzulegen und in doppelter Ausfertigung der Regierung einzureichen. Diese Ver-zeichnisse führten späterhin die Bezeichnung "Stadtbücher". Das Jahr

1767

bracht für die Stadt Arneburg ein schweres Unglück, indem sie von einem gewaltigen Brande heimgesucht wurde, der fast den ganzen Ort in Asche legte. Das Feuer brach am Sonntag, den 05. Juli 1767 mittags in der Mitte der Westseite der Tangermünder Straße (Haus des Bäckermeisters Freise) aus und verbreitete sich mit elementarer Gewalt über die Tangermünder-, Achter-, Burg-, Töpfer-, Breite-, Sandauer Straße und den Alten Markt. Grauenvolle Scenen spielten sich ab, die keine Feder zu beschreiben imstande ist. Hunderte von Frauen und Kindern schrien und jammerten, Männer stürzten in die brennenden Häuser um wenigstens einige Habe zu retten. Alles rannte verzweifelt die Hände ringend durcheinander und mußte in wilder Hast dasjenige fort-werfen, war gar nicht gerettet werden sollte, sondern in heller Angst und Verzweifelung nutzlos mit ins Freie genommen war. Oft galt es in der Tat nur das nackte Leben der Frauen und Kinder, der hilflosen alten Leute und Kranken oder auch das eigene Leben zu retten.

In kaum einer Stunde war Arneburg ein Haufen rauchender Trümmer. 415 Häuser waren dem entfesselten Element zum Opfer gefallen. Nur die dicken, massiven Mauern des Kirchturmes und die granitenen Seiten-wände der alten St. Georgskirche ragten trauernd noch aus dem Trüm-merhaufen empor. Auch der Glockenstuhl war ausgebrannt. Die große Glocke hatte sich noch beim Ausbruche der Feuersbrunst warnend ver-nehmen lassen. Erschreckt hörten die Einwohner ihr Wimmern hoch vom Turm, denn das war Sturm! Jetzt lag sie selbst mit ihren beiden klei-neren Schwestern geschmolzen, als unförmige Masse am Boden der Kirche stumm und still. Nicht weniger hatte das entfesselte Element das Kirchenschiff verschont und es in Flammen aufgehen lassen. Darum enthält das alte historische Gotteshaus jetzt bedauerlicherweise weder Kunstwerke noch Altertümer verborgen. Alle diese Bedeutsamkeiten, wie auch die Bilder des Lindwurmtöters St. Georg, des Schutzpatronen der Kirche, die am Altar und am Chor der Kirche angebracht waren, sind bei diesem großen Brande ein Raub der Flammen geworden. Alle die wichtigen Urkunden und Pergamente aus Arneburgs großer Zeit, die man der größeren Sicherheit wegen in der Gerbekammer, also der Sa-kristei der Kirche aufbewahrt hatte, waren dem Untergange, dem Ver-derben geweiht. Wer hätte sie jemals ersetzen können? Daher ist das, was man heute an Urkundenmaterial pp. zusammentragen kann, nur Stück-werk. Die Originale der hier angeführten Urkunden finden sich nach Riedel zum weitaus größten Teile im Geheimen Staatsarchiv in Berlin. Beinahe wären auch die Kirchenbücher der Stadt vom Feuer vernichtet worden, aber es gelang noch, sie mit vieler Mühe aus dem brennenden Pfarrhause zu retten. Das diese Rettung mit genauer Not noch zur rech-ten Zeit kam, beweisen die an den Büchern noch heute deutlich erkenn-baren Brandspuren, denn die Einbande hatten bereits Feuer gefangen. Ein Menschenleben hatten die Arneburger zu beklagen. Die 72jährige Frau des Bürgers und Kahnfahrers Dörgen kam in den Flammen um. Am folgenden Sonntage wurde der Gottesdienst, wie aus einem Vermerk im Kirchenbuche des benachbarten Dorfes Sanne hervorgeht, unter freiem Himmel auf der Reitbahn abgehalten. Die Predigt war ergreifend ange-sichts der in Trümmern liegenden Stadt, der obdachlosen Gemeinde, des Pfarrers ohne Kirche, eines Ackerwagens als Kanzel!

Verschiedene Inschriften an alten Häusern erinnern noch heutzutage an jenen Schreckenstag des sonst so stillen, friedliebenden Städtchens. So lesen wir an einem Hause – Nitze – in der Breiten Straße:

"Gedenke des 04. Juli 1767"

und am Rathause, Breite Straße 59:

"Mein Leser schaue rührend an,

Was Gottes große Hand getan.

Im Feuersgrimm schlug er mich nieder,

Durch seine Gnad und Huld steh ich nun

aufrecht wieder."

Ferner am Hause Breite Straße 39:

"17.11.1767."

Den Herrn laß tun und walten,

Er ist ein weiser Fürst,

Wird dich jetzt so erhalten,

daß Du Dich wundern wirst."

Über anderen Haustüren steht zu lesen:

"Mit Gott will ich das Werk anfangen,

So wird ich seine Gnad erlangen. 1767"

oder:

"Weine nicht, Gott lebt noch.

Der Dich herzlich liebet. 1767"

oder:

"Ich bin nun arm und elend, der Herr sorget für mich,

Du bist meine Hülfe, verzeuch doch nicht."

oder:

"Ich weiß, mein Gott, daß all mein Tun

Und Werk in Deinem Willen ruhn."

Zur Zeit des Brandes wohnte auf seinem Stammgut Storkau bei Arneburg der Reitergeneral Hans George Woldeck von Arneburg, von dem wir schon näheres erfahren haben. Voller Entsetzen sah er die Flammen aus der Stadt emporlodern, die die Stadt in dichten Qualm hüllte. Dieser Qualm war weithin sichtbar. So sah man in Eichstedt am Sonntag nach dem Gottesdienst voller Entsetzen die riesige Rauchwolke über Arneburg. General Woldeck ließ sein Pferd satteln und sprengte eiligst der Stadt zu, die seinen Namen trug. Gleich nach ihm kam seine Gemahlin im Wagen in Arneburg an. Beide halfen den unglücklichen Einwohnern nach besten Kräften. Durch starken Westwind begünstigt nahm die Macht des Feuers aber noch zu. Kurz entschlossen sprengte der General nach Storkau zurück und rüstete sich zu einem längeren Ritt geradewegs nach Potsdam zum König, um ihm zu melden, was für ein namenloses Elend die Stadt betroffen habe und um Hilfe zu bitten. Er war ein alter Bekannter des Königs und hatte im Krieg dessen Stabs-wache befehligt. Der König nahm seinen Vortrag entgegen und ließ den Arneburgern seine tiefste Teilnahme aussprechen.

Die nachstehend erwähnten 26 664 Thaler sind wahrscheinlich aus der Staatskasse und den Privatschatullen mitleidiger Hofdamen zusammen-gekommen.

Am Kirchturm kann man bis heute vom Brand schwarzgefärbte Mauer-steine sehen, der größere Teil des zur Stadt gerichteten Turmmauerwerks mußte erneuert werden. Man tat es vornehmlich mit den Steinen, die man in der Altmark reichlich besitzt: mit Granitsteinen.

Die Kirche selber war bis dahin eine Gewölbekirche. über dem Gewölbe hatte eine kleine preußische Garnison ihr Magazin. Als das Feuer die Kirche erreicht hatte, sprengte das vorhandene Pulver das Gewölbe. Die Ansätze dieses Gewölbes sind heute noch zu sehen.

Der Riß im Kirchturm ist schon recht alt, aber nach Anbringung von 6 Ankern, deren Enden am Westteil des Turms deutlich zu sehen sind, ungefährlich.

"Das war Arneburgs 05. Juli 1767!"

Friedrich der Große schenkte der Stadt zu ihrem Aufbau, der umgehend in Angriff genommen wurde, 26 664 Thaler und lieferte das Bauholz aus den benachbarten Königlichen Forsten. Von diesem Gelde sollen die im Stile gleichen Häuser auf der östlichen Seite der Sandauer Straße erbaut worden sein. Auch die Kirche wurde wiederhergestellt. Aber das, was sich an Mauerwerk von der ehrwürdigen Kaiserfeste Arneburg durch die Reihe der Jahrhunderte erhalten hatte, wurde jetzt bis auf den Söllerturm abgerissen. Die Bausteine verwandte man zum Aufbau der abgebrannten Stadt.

Seit jenem großen Brande hatte Arneburg keine Garnison mehr, da ihm vor der Hand ja die Unterbringungsmöglichkeiten fehlten. Als letzte Truppe, die sich auch bei der Bekämpfung des Feuers rühmlichst hervor-tat, lag eine Kompanie des Borstelschen, früher Mansteinschen Küras-sier-Regiments hier im Standort. Noch bis zum Jahre

1771

rief kein Glöcklein die Arneburger zur Andacht, still wurden ihre Kinder getauft, ihre Ehen eingesegnet, ihre Toten zu Grabe getragen. Aber in diesem Jahre erhielt das Städtchen seine Mittelglocke aus Bronce wieder. Sie hatte eine Weite von 121 cm und trug, wie ihre nachfolgenden Schwestern die Inschrift: "Soli deo Gloria".

1776

folgte ihr die große oder Betglocke von 145 cm Durchmesser. Ihr hatte man als Aufschrift gegeben:

"anno 1776 hat ein königlich

preussisches hochlöbliches amts

kirchen revenüen direktorium diese

arneburgsche glocke giessen lassen

von j. f. thiele in berlin".

Die 3. und kleinste Glocke folgte ihren Schwestern im Jahre

1777.

Sie hatte einen Durchmesser von 91 cm. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß man das bei dem großen Brande von 1767 geschmolzene Glockenmaterial zur Herstellung der neuen Glocken wieder verwendet hat.

Herrlich, wundervoll abgestimmt war das Geläut der 3 Glocken. Man sagte, sie hätten den schönsten harmonischen Klang von allen ihren Schwestern in der ganzen Altmark. Das empfand nicht nur der Fremde, auch der Einheimische lauschte so gern, wenn er weit draußen im Felde war, oder gar in der stillen Weihnachtsnacht oder in der Neujahrsstunde ihren Klängen. --- Heimatklang! Im Jahre

1778

wurde dem Magistrat Arneburgs die Zivil- und Criminal-Gerichtsbarkeit und die Führung des Hypothekenbuches bewilligt und der Ort zur Immediatstadt erhoben, trotzdem er die Kreislasten mit den übrigen Mediatstädten weiter zu tragen hatte.

Am Lauentiustag (10. August) eines nicht mehr festzustellenden Jahres des Mittelalters ging ein gewaltig schweres Unwetter über Arneburg hernieder. Der Blitz zündete an mehreren Stellen. Er brachte die Einwohner in Angst und Schrecken. Zum Andenken wurde dieser Tag lange Zeit hindurch als Bußtag gefeiert. Jedoch verlor sich dieser Brauch im Laufe der Zeit mehr und mehr, bis er schließlich ganz einging. Im Jahre nach seinem Aufhören wiederholte sich jedoch an demselben Kalendertage das Unwetter mit elementarer Wucht über Arneburg, so daß die geängstigten Einwohner den Bußtag sofort wieder einführten und ihn bis zum Jahre

1780

beibehielten.

Das im Jahre 1605 erbaute Schulhaus auf dem alten Kirchhofe wurde

1795

abgerissen und durch ein neues an derselben Stelle ersetzt.

Nach T. Reinharts Werk "Über die Altmark", geschrieben

1800,

bestand zu dieser Zeit ein 49 Ortschaften umfassender Arneburgscher Kreis, mit dem Landrat von Bornstädt an der Spitze.

Hatte unser Städtchen sich von den Folgen der großen Feuersbrunst gut erholt und mit unserer schönen Altmark lange Jahrzehnt in vollkom-menem Frieden zubringen dürfen, verschont von jeder äußeren Not, so legten ihm die ersten Jahre nach 1800 wieder schwere Sorgen auf. Ein großer Krieg war entbrannt, Franzosen hausten im Lande. Bis zum Oktober

1806

blieb auch in unserem Städtchen alles einigermaßen still. Aber am 14. Oktober 1806, dem Tage von Jena und Auerstedt, lebte auch Arneburg in banger Erwartung der Ereignisse. Die Bürger spürten trotz der 40 Meilen Entfernung die Heftigkeit der Schlacht. Die Erde erschütterte von dem Donner der Kanonen unter ihren Füßen. Sie jubelten in froher Hoffnung, daß endlich an Preußens hoher Tapferkeit die Rebellionswut der Franzosen sich brechen würde. Bald jedoch traf die schmerzliche Kunde vom Ausgange der Schlacht in Arneburg ein. Weinend sahen die Bürger die fliehenden Preußen des Hohenloheschen Korps durch die Stadt eilen. Fast 14 Tage lang wogten die geschlagenen Truppen durch die Stadt in der Richtung auf Sandau. Am 23. Oktober 1806 lagen Blücher und Scharnhorst mit der Kavallerie in Arneburg im Quartier. Am 26. Oktober kam es nördlich der Stadt bei Altenzaun zu einem Gefechte zwischen abziehenden Preußen und nachstoßenden Franzosen, wobei die letzteren ca. 100 Mann verloren. Am Abend lagerten in und bei der Stadt Arneburg 6 000 Mann feindlicher Reiterei. Als schlimmstes Übel wird die große Unordnung und die Lebensart der Feinde geschildert. Täglich wurde von 5 – 7 Uhr zur Plünderung geblasen; es entstand eine regellose Räuberei. Der Schaden betrug ca. 30 000 Thaler außer den Lebensmitteln.

Im Herbst 1806 quartierten mehrmals Truppen bei den großen Durch-märschen zur Belagerung Stralsunds in Arneburg.

Durch den unglücklichen Frieden von Tilsit im Jahre

1807

wurde die Altmark vom preußischen Staate abgetrennt und dem verehrten Herrscherhause entrissen. Sie gehörte nun zum Königreich Westfalen und wurde in die beiden Distrikte Stendal und Salzwedel eingeteilt. Arneburg gehörte naturgemäß zu ersterem und bildete einen Canton dieses Distrikts. Am 07. Februar

1808

waren in der St. Georgskirche die Abordnungen der Einwohner des ganzen "Kreises Arneburg" versammelt, um die erzwungene Huldigungs-predigt anzuhören und dem neuen Könige Jerome zu schwören. Das war für die bis ins Mark preußisch gesinnten Einwohner eine große, harte Aufgabe, denn wer konnte sich mit einem Zauberschlage von seinem geliebten Vaterlande trennen und französisch werden? Aber was blieb unseren Arneburgern anders übrig, sie mußten dem Zwange gehorchen, wenn sie nicht in schwere Strafen genommen werden wollten.

Vom hohen Ufer Arneburgs schauten die Bewohner sehnsüchtig in das jenseitige preußische Land, ins Land der Freiheit, der Wissenschaft und des Glückes hinein. Murrend mußte man sich auch in die Veränderung des Geldes, die Sperre des Handels mit dem jenseitigen Ufer der Elbe und vielen anderen Zwängen fügen.

Gericht und Verwaltung wurden getrennt, als Rechtsbuch galt der code Napoleon. Anstelle des altmärkischen Obergerichts trat das Civiltribunal in Stendal, in den Hauptorten der Cantons, so auch in Arneburg, wurden "Friedensgerichte" errichtet.

Die Verwaltung der städtischen Angelegenheiten erledigte in Arneburg anstelle des abgesetzten Bürgermeisters und der Ratsherren der "Maire" mit Namen Fromme.

Zeichnung

Dieser Fromme, bisher Pächter der Domäne Bürs, ein überaus franzosenfreundlich gesinnter Mensch, geriet mit dem Arneburger Pastor, einem kerndeutschen Manne, bald in Streit. In dienstlichen Schreiben redete daher der letztere ihn stets mit "Herr Mähr" an. Als sich jener diese Schreibweise energisch verbat, und betonte, daß er unter dem neuen Regime der "Maire" sei, antwortete ihm der Pastor, daß er für einen in französischen Diensten stehenden deutschen Mann eben keine andere Bezeichnung übrig habe und daß er für ihn nach wie vor der "Määäähr" sei.

Anstelle der zur Beurkundung des Personenstandes seither geführten Kirchenbücher wurden bürgerliche Civilstandsregister eingeführt, die nach der französischen Invasion jedoch durch die Kirchenbücher wieder ersetzt wurden. Als Standesbeamte fungierten die Geistlichen.

Die Todesstrafe durch Erhängen wurde abgeschafft. Damit verschwanden auch die letzten Galgen aus der Altmark.

Obwohl manche von der westfälischen Regierung getroffenen Maßnahmen unstreitig einen Fortschritt bedeuteten, so konnte die Regierung doch kein Vertrauen im Lande gewinnen. Das willkürliche Schalten und Walten der französischen Machthaber und die unwürdige Spionage, der man sich gegen die des preußischen Patriotismus verdächtigen Personen bediente, erzeugt vielmehr große Erbitterung gegen den König Jerome und die feilen Kreaturen seiner Beamtenschaft; sie wuchs von Tag zu Tag.

Ein Bürger unserer Stadt, namens K l i n g e n b e r g , der sich offen über die Mißwirtschaft im neuen Reiche beklagt hatte, wurde von den Franzosen in Magdeburg standrechtlich erschossen.

Aus diesem von den Landbedrückern heraufbeschworenen Unwillen her-aus erstanden die großen preußischen Freiheldshelden, wie u. a. der Major Ferdinand von Schill, der eigenmächtig die französische Garnison mit seiner Freischar angriff. Schill traf nach einem bestan-denen blutigen Gefechte mit der französischen Besatzung von Magdeburg am 08. Mai

1809

mit 800 Husaren in Tangermünde ein. Dem französischen Bevoll-mächtigen Dupin wurden schwere Kontributionen auferlegt (4 000 Thaler und 6 Pferde). Die Fähren und 21 Elbkähne mitsamt Dupin ließ Schill darauf nach Arneburg bringen, später aber nach Werben abschieben. Schill galt selbstverständlich bei den Franzosen als Bandenführer, der ihnen sehr unangenehm wurde. Sie hatten daher auch eine hohe Summe Geldes auf seinen Kopf ausgesetzt.

Am 12. Mai 1809 bezog Schill mit seinem Korps und 400 gefangenen Franzosen ein großes Lager in und um Arneburg, brach dieses aber, von französischen Truppen verfolgt nach 14 Tagen wieder ab und wich über Werben usw. nach Stralsund zurück. Auch aus Arneburg und Umgebung hatte er reichlichen Zulauf an Freiwilligen erhalten. Vor seinem Abmarsche stellte er seine ganze Reiterei hart nördlich Arneburgs an der Stelle des jetzigen Friedhofes auf, um durch die Stadt gegen Feindessicht von Süden her gedeckt zu sein. Hier hielt er vor versammeltem Korps wörtlich folgende Ansprache:

"Kameraden! Insurgenten, wie uns der Jerome nennt, sind wir

nicht, wir wollen bloß für unser Vaterland streiten und unserem

Könige die verlorenen Länder wiedergewinnen; und, wenn er

das letzte Dorf wieder hat, dann gehen wir alle nach Hause, und

ich schwöre es bei meiner Ehre, ich will nie mehr werden, als

preußischer Offizier."

- Cornelius Nepos von Thieme 1824 –

Nachdem die ganze Reiterei in stürmische Bravorufe eingestimmt hatte, setzte sich das Korps in Richtung auf Werben, hart verfolgt vom Feinde in Bewegung. Schill fand vor Stralsund seinen Heldentod. Sein Kopf wurde von einem in französischen Diensten stehenden holländischen Feldscher (Arzt) lange Zeit in Spiritus aufbewahrt und gegen Entgelt öffentlich ausgestellt. In den nachfolgenden Jahren

1810 und 1811

hatte Arneburg schwer unter der Bedrückung durch feindliche Besatzung und deren Repressalien zu leiden. Die Bürger kamen von einer Sorge in die andere.

1812

hatte Arneburg beständig 100 Mann französischer Soldaten im Quartier, die die Einwohner tyrannisierten, soviel sie nur konnten. Bei jedem Siege wurden sie z. B. gezwungen, Jubellieder zu singen! Aber die Rettung nahte! Die großen Begebenheiten, welche das Jahr

1813

brachte, wurden Schlag auf Schlag auch in unserem Städtchen bekannt. Leider wurde aber in diesem Jahre keine andere Stadt der Altmark so schwer geprüft, wie Arneburg. Von den ersten Gendarmen, die von Frankreich aus aufgebrochen waren, wurde Arneburg zunächst heimgesucht. Außerdem trafen am 10. März 1813 13 000 Mann hier ein, unter denen die sonst so stille Stadt gewaltig litt, da in den ersten Tagen alle Verbindungen mit anderen Orten gehemmt wurden, und diese Truppen direkt hierher dirigiert waren, um den Durchbruch der Russen zu verhindern. Das Lazarettfieber wütete unter den Truppen und raffte viele Soldaten dahin. Es schien zuweilen fast unmöglich zu sein, daß der kleine Ort die Lasten der Einquartierung ertragen konnte, weil ihm alle Hilfsquellen abgeschnitten waren. Als Beispiel für die Einquartierungs-last sei erwähnt, daß die Stadt in der Zeit vom 01. Februar bis Ende März, also in ungefähr 8 Wochen, 39 650 Portionen Verpflegung an die hier im Standort stehenden und die durchmarschierenden Truppen liefern mußte. Im Februar 1813 kamen viele von den in Russland geschlagenen Franzosen mit verstümmelten oder erfrorenen Händen und Füßen durch die Stadt. Sie brachten naturgemäß auch wieder ansteckende Krankheiten mit. Das Kirchenbuch von 1813 enthält folgende Eintragung von der Hand des als glühenden Patrioten bekannten Pastors Heise: "Die Sterblichkeit ist gegenüber 1812 mit 25 Sterbefällen, 1813 auf 84 Sterbefälle gestiegen. Diese fürchterliche Sterblichkeit des Jahres 1813 hatte ihre besonderen Ursachen. Die Franzosen, als Weltverwüster, waren 1812 im Frühjahr nach Russland bis Moskau vorgerückt und wollten, töricht genug, die Welt erobern. Aber schon im November erlitten sie durch russische Kugeln, Kälte und Hunger eine totale Niederlage, so daß sie wie Zugvögel, jeder einzeln oder in Haufen, nackend und blos wiederkehrten, doch nur wenige. Die Meisten fanden dort ihr Grab. Indessen wurden viele in die Lazarette Preußens gebracht, in welchen eine pestartige Krankheit durch hizzige und kalte Fieber, durch Kräzze und andere böse Ausschläge und Ruhr entstand. Zum Unglücke wurde ein Teil des Stettinschen Lazaretts hier durch-gebracht und dadurch entstanden eben diese Übel in der Stadt, welche bei gesunden, starken Menschen in ausschlagartigen hizzigen Fiebern, bei Kindern in Ausschlägen meistens tödtlich und ansteckend wirkten, wie in den meisten Städten Teutschlands.

Doch war dies Jahr endlich die Erlösungszeit. Denn nachdem sich Preußen mit Russland vereinigt hatte, so wurden die Franzosen bei Lüzzen, Dennewizz, Jüterbokk, an der Kazzbach und am 18. Oktober endlich bei Leipzig ganz geschlagen und am 31. März vor Paris völlig überwunden. Der König von Preußen, unser Herr, bewies die höchste Weisheit und Tapferkeit bei allen Gelegenheiten.

Heise, Pastor"

Am 18. April 1813 wurde der in Arneburg regierende "Maire" von einem Kommando Kosacken abgeholt und nach Havelberg gebracht. Der französische Befehlshaber hatte den Burgberg bei Arneburg in eine Festung umgewandelt, zu deren Anlage die Bürger der Stadt vom 21. Juli bis 14. August 1813 schanzen mußten. Durch die Gestellung von täglich 100 Mann litten naturgemäß die Erntearbeiten ganz beträchtlich. Die Palisaden zur Befestigung der Burg mußten die Einwohner auch liefern und heranschleppen. Zu diesem Druck der zu stellenden Arbeiter und Pferde kam dann noch die Verproviantierung der Burg mit allerhand Lebensmitteln. Es mußte Zwieback gebacken, Fleisch, Gemüse, Bier, Branntwein, Salz, Holz usw. in die Burg geschafft werden. Diese Arbeiten sollten befehlsmäßig am 14. August 1813 beendet sein, damit die aus 280 Mann bestehende Besatzung einziehen konnte.

Außerdem hatte der französische Befehlshaber die Absicht, auf dem Galgenberge bei Arneburg, als der vorzüglich dazu geeigneten Stelle, ein Fort anzulegen. Die Ausschachtungen hierzu sollten im Anschluß an die Befestigung des Burgberges unverzüglich vorgenommen werden. Aber es ist nicht mehr dazu gekommen, denn ein glückliches Geschick hat es anders gewollt. Es wäre doch von unseren Arneburgern als ein bitterer Hohn empfunden worden, wenn ihre ehrwürdige deutsche Kaiserfeste einer dem Erbfeinde angehörenden Macht zur Verteidigung gegen eigene Stammesbrüder hätte dienen sollen. Ein besseres Schicksal verhütete diese Schmach und rettete die Ehre jenes historischen Bodens. Denn, als die Besatzung am 15. August 1813 gerade dabei war, sich in die Festung einzuschließen, erhielt sie Befehl, alles im Stiche zu lassen und eiligst nach Magdeburg abzurücken. Das war ein freudiger Augenblick für unsere Landsleute in jener so trüben Zeit! So mancher "fromme" Wunsch wurde den abziehenden Plagegeistern nachgesandt.

Nachdem auch die französischen Besatzungen von Werben und Fährkrug durch Arneburg marschiert waren, hatte die Stadt endlich Ruhe vor den französischen Unholden. So sank denn auch auf unsere Heimat das Jahr der Erlösung

1814

vom Himmel hernieder. Würdig und freudevoll beging Arneburg die Siegesfeier, froh der Fremdherrschaft entronnen zu sein, glücklich wieder dem preußischen Vaterlande anzugehören. Nach der entscheidenden Völkerschlacht bei Leipzig hörte die westfälische Verwaltung mit ihren französischen Amtsbezeichnungen sofort wieder auf. Preußisches, alt gewohntes, lieb gewordenes Geld wurde wieder eingeführt.

Auch Arneburgs Söhne hatten an den Freiheitskriegen teilgenommen. Folgende von ihnen waren für König und Vaterland den Heldentod gestorben:

  1. Wilhelm Schulze 1813 bei Lauenburg,
  2. Gottlieb Schulze 1813 bei Lauenburg,
  3. Andreas Techmeier (Lützowisches Freikorp) 1815 bei Mölln,
  4. Friedrich Wienert 1815 bei Ligny.

Auf einer Ehrentafel im Schiffe der Kirche sind die Namen dieser Freiheitskämpfer verzeichnet, der Nachwelt zum ehrenden Andenken.

Das Jahr 1814 wird als das Gründungsjahr der Schützengilde zu Arneburg angesehen, wohl weil ihre ersten Mitglieder, die damals Freiheitskämpfer waren, sich nach Beendigung ihrer Dienstzeit bei der Truppe in der Gilde vereinigten, um dem edlen Schießhandwerk weiter obliegen zu können. Die Stiftungsurkunde der Gilde ist leider verbrannt.

Mit Verordnung vom 30. April 1815 erfolgte durch König Friedrich Wilhelm III. eine vollkommen neue Einteilung des Landes in Provinzen, Regierungsbezirke und Kreise. So entstand die jetzige Provinz Sachsen. Hauptort ihres Regierungsbezirks Magdeburg wurde Magdeburg selbst. Die Altmark teilte sich in die vier landrätlichen Kreise Stendal, Salzwedel, Osterburg und Gardelegen. Arneburg gehörte von nun an zum Kreise Stendal. Am 01. April

1816

trat die neue Einteilung in Kraft. Am 18. Januar 1816 beging der König mit seinem Volke ein Friedensfest. Von diesem zeugt eine ovale Tafel mit darüber angebrachtem Eisernen Kreuze, die in der Sakristei der Kirche aufbewahrt wird. Auf ihr lesen wir:

"Das Kreuz erlöst die Welt,

Das Kreuz war Deutschlands Rettung in der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813, in der Schlacht bei Brienne am 01. Februar 1814, in der Schlacht bei Belle-Allianee am 18. Juni 1815. Friedrich Wilhelm III., Preußens frommer König, feierte mit seinem Volke das Friedensfest am 18. Januar 1816."

Im Jahre

1822,

der Tag steht nicht fest, wurde die Stadt und ihre Kirche vom König Friedrich Wilhelm III. besucht. Der König verblieb eine Nacht im Gasthofe "König von Preußen" in der Feld – Tangermünder – Straße. Die Kirchenchronik sagt über diesen Besuch folgendes:

"Einmahl sahen wir den geliebten Landesherrn wieder in der

alten öfteren Residenz seiner Ahnherrn und freuten uns

allgemein über des Regenten große Herablassung. Er war in

einem offenen 2 spännigen Wagen auf den Kirchhof (an der

Kirche) gefahren und sprach jeden freundlich an. Die Behörden

aus Magdeburg Stendal und Tangermünde und Menschen aus

allen Gegenden waren diesen Tag herbeigeströmt."

Im Sommer

1827

legte man vor dem Sandauer Tore einen neuen Friedhof an, den man mit einer Holzeinfassung umgab. Damit ging der alte Friedhof an der Kirche allmählich ein, so daß heute alle Gräber eingeebnet sind und nur noch 1 Grabstein stehen geblieben ist. Als erste Leiche wurde die des Postboten Tramp am 07. November 1827 auf dem neuen Friedhofe beigesetzt.

Am 31. Dezember desselben Jahres, als die Arneburger gerade ihren Sylvesterball bei "Schuhlenburg" feierten, störte eine Feuersbrunst ihr Vergnügen. Mehrere Ställe und 1 Scheune wurden ein Raub der Flammen. Bei dem starken Winde flogen brennende Strohbunde vom Brandherd am hohen Tore bis auf die Burg.

1831

ließ die Königliche Regierung in Magdeburg den Altar der Kirche neu bekleiden und schenkte ein Crucifix und zwei eiserne Altarleuchter.

Auf Veranlassung der Bürgerschaft reiste Pfarrer Zollmann am 09. Mai 1831 von Arneburg nach Magdeburg um am 10. Mai der Gedächtnisfeier der Zerstörung Magdeburgs durch Tilly 1631 beizuwohnen. Auf der Rückreise stürzte er am 18. Mai bei Atzendorf mit dem Reitpferde und zog sich einen schweren Beinbruch zu, der ihn bis zum 09. September aus Arneburg fern hielt. Bei seiner Rückkehr aus Magdeburg, wo gewaltige Vorkehrungen zur Abwehr der so gefürchteten Cholera getroffen waren, fand Zollmann auch in Arneburg Truppen einquartiert vor, die einen Teil des Elbsperr-Kordons gegen die Cholera ausmachten. Arneburg blieb eigenartiger Weise auch diesmal von der Krankheit verschont. In der Mitte Oktober wurde der den Handel und Wandel sperrende Kordon aufgehoben, die Truppen zogen ab.

Die revidierte Städteordnung wurde in Arneburg

1832

eingeführt. Daraufhin erfolgte durch die Stadtverordneten die Wiederwahl des bisherigen Bürgermeisters Langer nicht, sondern die Neuwahl eines Schreibers des Landratsamtes Stendal, Ballerstedt, zum Bürgermeister. Dieser blieb aber nur bis

1834

auf seinem Posten, weil er sich nicht als brauchbarer Verwaltungsbe-amter erwiesen hatte.

In diesem Jahre ließ die Königliche Regierung zu Magdeburg die Arneburger Kirche aus dem Kurmärkischen Haupt-Ämter-Kirchenfonds für 1158 Thaler instand setzen.

Den geschichtlich geweihten und zugleich anmutigen Burgberg kaufte

1835

ein Oberst v. Meyern auf Hohenberg für nur 1 600 Thaler. Er erbaute sich auf ihm ein Schlösschen, zu dem er den aus dem Mittelalter erhal-tenen Söllerturm mit verwendete. Bei den Ausschachtungsarbeiten stieß man auf die Grundmauern der alten Burg und auch auf Totengebeine, die vielleicht den Ort bezeichneten, an dem einst die Totengruft der Burg-kapelle sich befunden hatte.

Dieses Schlösschen besuchte gelegentlich einer Informationsreise der König Friedrich Wilhelm IV. im Mai des Jahres

1841.

Er kam im Reisewagen von Stendal und fuhr über Dalchau, Nieder-görne, Altenzaun (Gefechtsfeld aus den Freiheitskriegen) nach Werben weiter. Mit der größten Begeisterung war jeder bereit, zum festlichen Empfange des Königs sein möglichstes zu tun. Ehrenpforten waren errichtet, die Häuser geschmückt und beflaggt. Das Wetter war prachtvoll. Der Magistrat, die Stadtverordneten, die Bürgerschaft, viele ehemalige Freiheitskämpfer und die Schützengilde zogen mit Musik vor das Hohe Tor und stellten sich zum Spalier auf. Bald erscholl der Ruf "Der König kommt!". Die Glocken der Stadtkirche begannen zu läuten. Die zahllose Menge stimmte Jubelrufe an. Der mit 6 Pferden bespannte Wagen, in dem Seine Majestät saß, näherte sich rasch und hielt dann auf Befehl des Königs zur Begrüßung an. Mit der bekannten Freund-lichkeit nahmen Seine Majestät die Ansprache entgegen und richtete noch einige Fragen in Bezug auf die Stadt und die Burg an den Bürger-meister. Dann besichtigte der König die historische Stätte der alten Burg. Gleich wie seine großen hohenzollernschen Vorfahren es so oft und gern getan hatten, erfreute nun auch er sich der überraschend schönen Aussicht, die man von jenem Fleckchen Erde aus genießen kann, und sprach sich hochbefriedigt darüber aus.

Die Haltung der Arneburger Bürgerschaft beim Besuche des Königs verdient rühmliche Erwähnung. Wo Seine Majestät auch hinschritt, überall traten die Bewohner ehrerbietig zurück. Das lag in der Selbst-verleugnung, in dem Streben, dem Könige die Liebe zu beweisen, von der die Herzen überflossen, die dieser stillen Huldigung etwas ungemein Rührendes, das nur der fühlen konnte, der jene Stunden mit erlebte. Dieser Königsbesuch sollte der letzte Besuch eines Monarchen in Arneburg bleiben.

Nach einer Volkszählung von

1841

hatte Arneburg erst 1 473 Einwohner, darunter 2 Katholiken und noch 41 Juden. Für letztere bestand bis etwa 1860 eine Gebetsstätte in der Stadt. Der letzte Jude (Reiss) ist im Jahre 1886 in Arneburg ver-storben und auf dem Galgenberge begraben. Seitdem wird Arneburg von keinem Juden mehr bewohnt.

Am 06. August

1843

feierte man in Arneburg das 1 000 jährige Jubiläum der Selbständigkeit Deutschlands durch einen Festgottesdienst und mit festlichen Aufzügen. Am Abend fanden mehrere Tanzlustbarkeiten statt.

Die politischen Ereignisse des Jahres

1848

und zwar die durch polnische und französische Emissäre gestützte Revolution, riefen auch in der Altmark, namentlich in den Städten, eine gewisse Erregung hervor, doch ist es an keinem Orte zu gefährlichen Ruhestörungen gekommen, obwohl auch in Arneburg eine bedrohliche Aufregung entstand. Der Ortspfarrer richtete vom Hauptbrunnen in der Breiten Straße aus an die Menge eine Ansprache, die sehr beruhigend auf die erregten Gemüter einwirkte. Auf Anordnung des Generalkom-mandos in Magdeburg wurden zum Schutze der öffentlichen Sicherheit Bürgerwehren eingerichtet und bewaffnet. Eine solche bestand auch in Arneburg. Ihr Hauptmann war der Brauereibesitzer Grabert. Sie war zum Teil beritten, und führte eine Standarte, deren Tuch aus weißer Seide bestand. Dieses Tuch enthielt auf der einen Seite die Bezeichnung: "Bürgerschutzwehr zu Arneburg 1848", auf der anderen Seite das farbige Arneburger Stadtwappen. Der Baum der Standarte war durch Troddeln von schwarz, rot, goldener Farbe geziert. Diese Standarte wurde erst vor wenigen Jahren durch Zufall bei einem Brande auf dem ehemals Grabertschen Grundstücke wiedergefunden und dem Magistrat der Stadt zugestellt. Der übertrug ihre Obhut der Schützengilde mit dem aus-drücklichen Wunsche, sich ihrer sorgsam anzunehmen und sie vor Zerstörung zu schützen. Jetzt befindet sie sich im Gewahrsam des Maurermeisters Erich Schulze.

Am 31. Januar

1849

gab König Friedrich Wilhelm IV. dem Volke die konstitutionelle Verfassung.

Die Städte erhielten am 11. März

1850

die neue Städteordnung.

Am 23. August

1863

feierte man in der Stadt die fünfzigjährige Wiederkehr des Tages der Schlacht bei Großbeeren (23.08.1813) mit ganz besonders festlichem Gepräge. Die Schützengilde und die Innungen zogen auf, Schulkinder und junge Mädchen mit Asternkränzen im Haar bildeten das Ehren-spalier. Der alte Bürgermeister Andree hielt zündende Ansprache, in der er der tapferen Truppe und ihres Führers, des Generals v. Bülow gedachte. Am Abend fand für alle Arneburger eine Tanzlustbarkeit im Schützenhause statt. Aber, wie es zu erwarten war, reichte der große Saal bei weitem nicht aus, um die Gäste aufzunehmen. Man hatte daher in weiser Voraussicht bereits zwei große Zelte zum Tanzen im Garten errichtet. Das war einmal ein würdiger Gedenktag des großen Sieges auf brandenburgischem Boden.

Schön und friedlich waren die nun folgenden Jahre. Die trüben Zeiten waren vergessen, Handel und Gewerbe blühten und so waren auch unsere alten Arneburger recht zufrieden. Sie hatten an schwerer Zeit auch gerade genug durchlebt. Ihr jetziges Wohlbehagen empfinden wir daraus, daß man sich um die Mitte der sechziger Jahre so gemütlich wie nur irgend möglich einzurichten verstand. Es wurde die Geselligkeit gepflegt, Vereine entstanden usw. Zur kalten Winterszeit z. B. machte man gemeinsame Schlittenfahrten. Die damaligen "oberen 10 000" des kleinen Städtchens, die sogenannte Honoration und wer sich sonst noch dazu rechnete, ob mit oder ohne Grund, lassen wir dahingestellt, unternahm dann auch solche Schlittenfahrten gewöhnlich zunächst durch die Stadt und alsdann nach einem nahen Dorfe. Hier wurde, wie es nun einmal üblich war, gezecht, getanzt und dann die Rückfahrt, selbstverständlich unter ausgiebigster Inanspruchnahme der mitgebrachten Stadtkapelle angetreten. Am Abend machte gewöhnlich ein Ball dem Feste den Abschluß. Aber, wie es bei solchen Dingen der Zufall will, und er hatte ja immer mitzusprechen, spielte das Schicksal seine Possen. So kam es denn auch; an der Ecke der Töpferstraße bog der erste Schlitten, in dem die Musik fuhr, so scharf um die Ecke, daß alle "Stadtmusikusse" mit ihren Instrumenten im weitem Bogen in den Schnee flogen. Das war ein schlechter Anfang, wollte doch die Honoration sich erst in den Straßen "zeigen". Sie wußte nun selbst nicht, sollte sie lächeln oder empört sein. Aber eine allgemeine Störung des Vergnügens fand nicht statt, denn die Stadtmusikanten konnten ja auch trotz der zerrissenen Hosen auf den arg verbeulten Instrumenten weiterblasen. Aber einen freute der Reinfall doch! Das war eine alte Stadtmatrone, die so brennend gern zur Honoration gerechnet werden wollte. Sie brachte es daher auch nicht übers Herz, das folgende Spottgedicht zu verfassen:

"De arneburger Honration

De woll sick wat to Jode don,

Un har sich so völ tosammen sport,

To eene jrote Schlettenfoat.

Dat was een loopen, een lamenteern,

Oll Ullrich müßts Muskanten föhrn.

Un as se kämen an Beusters Eck,

Da lag de janze Musik in’n Dreck.

Oll Lindhorst kloppt sick aff sin Hoasen

Nu könn’n Ii ju alleen wat bleasen.

Oll Frank‘ de schreit as wie ne Uhl,

Un Jroblern’s Tuba her ne Buhl,

De Annern de harn Näsenbloten,

De Vürstand red’t denn noch tum Joten.

Dat schot’t Ju janist, Honration,

Ick holl doch mine Näs davon!"

Ja, es gab eben überall Neider, so auch in unserer spießbürgerlichen Kleinstadt.

In der Nacht vom 19. zum 20. Juli

1851

brachen zwei aus Wolmirstedt entwichene Sträflinge, Netzband aus Arneburg und Bleßmann aus Tangermünde, durch das südöstliche Fenster in die Arneburger Stadtkirche ein und stahlen die Taufgeräte. Die Burschen wurden später ergriffen und erhielten als Strafe je 20 Jahre Zuchthaus. Die Taufgeräte aber waren verschwunden.

Im Jahre

1865

verkaufte der Oberst von Meyern das Schlösschen an einen Herrn Schwenke, der unter Erweiterung des Baues eine Ofenkachelfabrik daraus machte.

Wieder zogen die düsteren Wolken des Krieges am friedlichen Himmel Arneburgs herauf. Auch in den dann folgenden Kriegen von

1864 und 1866

zogen Arneburgs Söhne freudig in den Kampf für ihr Vaterland. Einer von ihnen, Johann Buchholz, starb bei Königgrätz 1866 den Heldentod.

Im Spätsommer des Jahres

1868

ging man an einen inneren Reparaturbau der Kirche. Die gewundene Decke wurde eingeschlagen und durch eine solche aus Dielen ersetzt. Der das große Schiff der Kirche vom kleinen Kreuzschiff trennende Bogen wurde der besseren Akustik wegen erweitert. Sämtliche Emporen wurden abgebrochen und nun in etwas veränderter Form aufgestellt. Die Kirchensitze wurden vermehrt. Alle Bänke erhielten anstelle des bisherigen weißen Anstriches einen dem Aussehen der Emporen ent-sprechenden eichenfarbigen.

Französischer Übermut rief den großen Krieg von

1870 und 1871

hervor, der aber mit der Einigung Deutschlands enden und ihm die Kaiserkrone bringen sollte, die sich der König Wilhelm I. als erster Deutscher Kaiser hohenzollernschen Geschlechtes auf das greise Haupt setzen konnte. Mit flammender, altmärkischer Begeisterung zog auch damals die Arneburger kriegstüchtige Jugend und die Landwehr in den Kampf für Freiheit, Ehre und Vaterland. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs haben sie geblutet und zum Teil ihr junges Leben lassen müssen bei der großen Schlacht von St. Privat – Mars la Tour – Vionville. Dort fielen beim bekannten Todesritt die Halberstädter Kürassiere Heinrich Frankenberg und Wilhelm Krause. Eine zweite Ehrentafel in der Kirche verherrlicht die Namen der in den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 gefallenen Helden.

Am 18. Juni

1871,

nachdem die Truppen bereits in ihre Heimat zurückgekehrt, wurde das Sieges- und Friedensfest in Arneburg gefeiert. Man pflanzt in dankbarer Erinnerung an diese erhebende Zeit auf dem Platze vor der Roßpforte eine Friedenseiche, die man mit einem eisernen Gitter umgab, das eine gußeiserne Tafel trug, auf der zu lesen stand:

"Die Schlacht sie ist das letzt‘ Gericht

Auf Leben und auf Tod;

Und wenn die Not das Eisen bricht,

Das Eisen bricht die Not."

Unverantwortliche Kurzsichtigkeit und Mangel an patriotischem Sinn haben diese Ehrentafel, die die Väter sich aus Stolz setzten, entfernt, weil man sie mit einem Erntewagen umgefahren hatte.

Mit dem Jahre

1874

ging die zweite, seit der Reformation 1540 belassene (Hilfs-) Predigerstelle in Arneburg ein. Ihr letzter Inhaber war der nochmalige Pastor Fischer in Jarchau bei Stendal.

1878

wurde der Kirchturm einer eingehenden Revision unterzogen, und, soweit notwendig, ausgebessert. Die Turmlaterne erhielt eine hölzerne Barriere.

1879

löste man die von 120 zur Unterhaltung des Hospitals zu Arneburg Verpflichteten zu entrichtenden Naturalien und Gefälle mit 13 084,16 Mark ab. Als Gegenleistung hatten die Verpflichteten von jedem Scheffel Korn 1 Silbergroschen 3 Pfennige vom Dom zu Berlin erhalten. Aus dieser Verbindung mit dem Berliner Dom ließ sich schließ, daß das städtische Hospital eine Fortsetzung des alten St. Spiritushospitals war.

Am 05. Juni

1887

war die Berliner anthropologische Gesellschaft unter der Führung ihres Vorstehers, des bekannten Arztes, Geheimen Medizinalrates Virchow in Arneburg anwesend, die vornehmlich die Gräberstätten auf dem Galgen-berge untersuchte und hierbei in kurzer Zeit 4 prähistorische Gräber frei-legte. Am 18. Juni 1887 erstattete Virchow in der Gesellschaft zu Berlin ausführlichen Bericht über die Exkursion nach Arneburg und sprach im Besonderen über die verdienstvolle Sammlung des Pfarrers Kluge, die er zu besichtigen Gelegenheit gehabt hätte.

Am 16. April

1888

wurde auf dem Galgenberge eine Kaiser-Eiche zum Andenken an den verewigten Kaiser Wilhelm I., den Großen, gepflanzt. Die gesamte Arneburger Bürgerschaft beteiligte sich an dieser Feier, bei der flammende Reden gehalten wurden, die der Trauer über den heimge-gangenen Kaiser Ausdruck verliehen. Die Arneburger Liedertafel verschönte die Feier durch den Vortrag ernster vaterländischer Lieder.

In diesem Jahre legt die Stadtgemeinde einen neuen Ladedamm am Ufer der Elbe an, der eine bessere Be- und Entladung der von Arneburg auszuführenden bzw. für die Stadt ankommenden Güter ermöglichen sollte.

1889

erhielt die Kirche eine Blitzableiteranlage. Die Kosten trugen zu 4/5 die städtische Feuersozietät, zu 1/5 der Ämterkirchenfonds. Der Segen dieser Anlage sollte sich schon ein Jahr später zeigen, wo am 19. April

1890

ein sehr schweres Gewitter von Süden heraufzog, dessen Blitzstrahl auf die Kirche niederging, aber von dem Ableiter aufgefangen wurde. So ging die nahe liegende Gefahr eines Brandes vorüber.

Weil das Hospital mit der Zeit so alt und baufällig geworden war, daß man es nicht mehr als Wohnung geeignet fand, schritt der Magistrat im Jahre

1893

zum Neubau. Dieses neue Hospital wurde an der Stätte des alten in der Sandauer Straße errichtet. Während der alte Bau nur einstöckig war, legt man das neue Gebäude zweistöckig an. Es beherbergt zur Zeit 6 Hospitalitinnen. Die Verwaltung liegt in den Händen des Magistrats. Über dem Eingange des Hauses sehen wir eine Tafel mit der Inschrift:

"Hospital"

Neu erbaut im Jahr 1893

"Alle Eure Sorgen werfet auf Ihn,

Denn er sorget für Euch."

Größere Feuersbrünste suchten Arneburg mitte der 90iger Jahre heim. Durch einen gewaltigen Scheunenbrand in der Elbstraße ging vielen Ackerbürgern der wertvolle, überaus große Getreidevorrat verloren. Auch die der alten Burg gegenüberliegende Zucker- später Thonwarenfabrik wurde durch einen gewaltigen Brand vernichtet. Dasselbe Schicksal ereilte die Ofenkachelfabrik auf dem alten Burggrundstück. Hoch loderten die Flammen auf; aus der Ferne gesehen glich die "brennende Burg" einer feurigen Fackel, die trotzig von jener historischen Stätte ins Land hineinleuchtete, gleichsam als wollte sie sagen, daß jener Ort zu heilig wäre, um auf ihm industrielle Betriebe zu schaffen bzw. zu unterhalten.

So lag die alte Burg wieder längere Zeit verwüstet, bis endlich vor wenigen Jahren der Stendaler Bürger, Herr Kaufmann Köppen sich ihrer annahm, sie käuflich erwarb, die gesamten Restbaulichkeiten einschließlich des Restes des alten Söllerturmes entfernen ließ und den ganzen Burgberg mit schönen gärtnerischen Anlagen, lauschigen Plätzen und prächtigen Ausblicken versehen ließ.

So liegt der Burgberg, obgleich seine Mauern verschwunden sind, haute in stillem Frieden vor uns. Gern öffnet er seine Pforten den Besuchern, als wollten seine Ahnherren zu ihnen reden von der einstigen Bedeutung und Größe der starken Festung, des lieblichen Schlosses, der geweihten Stätte des Domes. Und Herr Köppen sorgt in dankbarst anzuer-kennender Weise für Ordnung auf der Burg; sie ist in guter Hand. Spielende Kinder duldet er nicht, damit sie nicht Unfug treiben an diesem historischen Platz.

Den 02. September

1895

als den Tag der 25jährigen Wiederkehr der großen Schlacht von Sedan, feierte man in Arneburg mit ganz besonders festlichem Gepräge. Alle Straßen waren überreich beflaggt, Blumengewinde zogen von Haus zu Haus über die Straßen, die Schulen machten einen farbenprächtigen Umzug, bekränzte Mädchen zogen den Vereinen der Krieger, Veteranen und Schützen im festlichem Zuge zur Kirche voran. Es war ein Festtag erster Ordnung, der allen die ihn mitmachen durften, eine liebe Erinnerung sein wird.

Bei einer Kirchenvisitation, die im Jahre

1899

durch den Generalsuperintendenten Vieregge aus Magdeburg und eine große Anzahl Geistlicher stattfand, hielt ersterer eine feierliche Kanzelrede, in der er der großen Vergangenheit Arneburgs gedachte, das heute so still und lieblich vor seinen Augen läge, wie einst das schöne Nain in Palästina, das sich ihm auf seiner Reise dorthin vor wenigen Jahren genau so lieblich aufgetan hätte, als Arneburg es heute tue. Ein altmärkisches Nain, wie er unser Städtchen nannte.

Im Sommer des eben erwähnten Jahres fand die Feier der Eröffnung der Kleinbahn Arneburg – Stendal statt. Stolz fuhren die Arneburger mit dem ersten Festzuge nach dem Stendaler Bürgerholze, um sich zu vergnügen und am Abend die Rückfahrt in den bekränzten Wagen und der mit Eichenlaubgewinden geschmückten Lokomotive anzutreten. Aus den Gesichtern aller Teilnehmer strahlte helle Freude; waren unsere Arneburger doch der langweiligen und unbequemen Omnisbusverbindung und der Personenpost nach Stendal enthoben und ein gutes Stück dem Emporblühen des Städtchens näher gerückt. Freilich gingen auch ideelle Werte mit der Bahneröffnung verloren. So hörte seit 1899 kein Ohr mehr den fröhlichen Ton des Posthorns in warmer Maiennacht erschallen.

"Hört ihr den Pfiff, den wilden, grellen?

Es schnaubt, es rüstet sich das Tier,

Das eiserne, zum Zug, zum schnellen,

Her braust’s wie ein Gewitter schier.

Kein Postzug nimmt mit lust’gen Knallen

Mehr durch die Straßen seinen Lauf

Und wecket mit des Posthorns Schallen

Im Mondenschein den Städter auf."

(Kerner)

Die zunächst schmalspurig angelegte Bahn wurde des besseren Verkehrs wegen einige Jahre später in eine normalspurige Bahn umgebaut, die es nunmehr ermöglicht, daß alle Reichseisenbahnwagen direkt nach Arneburg durchlaufen können. Die Fahrt von Stendal nach Arneburg nimmt ½ Stunde in Anspruch.

Das 1795 auf dem alten Markte erbaute Schulhaus wurde nur bis

1907

als solches benutzt, dann aber zu einem Miethause eingerichtet, weil es den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen war. Der Magistrat hatte sich entschlossen, ein großes, modernes, zweistöckiges Schulhaus in der Elbstraße zu errichten, das Anfang Oktober 1907 eingeweiht wurde.

Eine im Jahre

1908

angelegte Wasserleitung brachte der Stadt einen ganz erheblichen Fortschritt. Die alten Straßenbrunnen gingen damit ein und verschwanden aus dem Bilde der Stadt. Die Wasserleitung, deren Quellen und das Kraftwerk auf dem Galgenberge stehen, versorgt die Stadt mit einem anerkannt wohlschmeckenden und gesunden Wasser.

Um das Zustandekommen dieser Unternehmungen (Eisenbahn, Hospitalbau, Schulhausbau, Wasserleitung) hat sich der Bürgermeister Wolff trotz der vielen sich ihm entgegenstellenden, teilweise recht spießbürgerlichen Schwierigkeiten ganz besonders verdient gemacht. Schimpfte man auch zunächst auf die Eisenbahn, die zu teuer und alles mögliche andere dumme Zeug sein sollte, auf die Wasserleitung, in der man sogar verendete "Ratzen" finden würde usw., so wurden doch die Schildbürger bald eines Besseren belehrt. Wer sollte heute jene segenswerten Einrichtungen noch missen?

Wieder war die Zeit glücklich und zufriedenstellend. Mit Freuden schafften Ackerbürger, Handwerker und Arbeiter ihr Tagewerk im stillen Städtchen. Noch im Juni

1914

feierte die Schützengilde mit hellstem Jubel das Fest ihres 100jährigen Bestehens an der Elbe. Mitten in diesem Frieden aber türmten finstere Wetterwolken ringsum am Horizont auf. Es waren die Vorzeichen des großen Weltkrieges. Dem Franzosen, dem Engländer, dem Russen und wie die Feinde alle im Bunde heißen, war Deutschlands Größe und seine Schaffensfreudigkeit längst ein Dorn im Auge gewesen. So wurde das Reich von Osten und Westen angegriffen und in seinem Bestande ernstlich bedroht. Da blieb nichts anderes übrig, als daß Deutschlands Eisen den Staaten, die ihm den Krieg erklärt hatten, entgegengestreckt wurde. Das Jahr 1914 brachte daher den Ausbruch des gewaltigsten aller Kriege. Am 02. August 1914, dem ersten Mobilmachungstage marschierten der Kriegerverein und die Schützengilde geschlossen zur Kirche und am Nachmittage dieses Tages fand eine gemeinsame Abendmahlsfeier für die ins Feld ziehenden Krieger statt. Tief ergriffen standen die Männer aufrecht vor dem Altar und sangen gemeinsam ihr "Vater ich rufe Dich". Freudig rückten auch diesmal wieder die Söhne Arneburgs dem Erbfeinde, dem Franzosen und seinen Bundesgenossen auf den Pelz, beseelt von tiefer Liebe zur Heimat, um zu verhindern, daß an ihrem Bestande auch nur gerüttelt würde. Wie stolz war die Zeit für jedes wahre Deutsche Herz, als unsere braven Truppen durch den greisen Generalfeldmarschall von Hindenburg von Sieg zu Sieg geführt wurden. Aber ach, wie viele liebe Landsleute haben in dem 4 Jahre währenden Ringen fürs Vaterland bluten und ihr junges Leben dahin geben müssen. Nicht weniger als 71 treue Söhne der Stadt deckt der Rasen in fremder Erde, oder auch, wo es noch möglich war, in einzelnen Fällen auf dem heimatlichen Friedhofe.

Eine große Anzahl gefangener Franzosen und Russen arbeitete tagsüber bei den Ackerbürgern und wurde zur Nachtruhe im Gasthofe "Zum Deutschen Kaiser", Inhaber Heinrich Berstel, unter Bewachung gesammelt. Einige der gefangenen Feinde sind in Arneburg an den Folgen des Krieges gestorben und auf dem Friedhofe beigesetzt.

Schwer und immer schwerer wurde freilich im Laufe der Jahre die Last des Krieges in jeder Beziehung.

Während den Feinden alle Hilfsquellen der Welt offen standen, waren sie dem Deutschen Volke vollkommen abgeschnitten. Der Engländer führte eine grausame Hungerblockade durch, die sich in erster Linie gegen die Kinder richtete. Auch die Metalle gingen im Lande zu Ende und so mußten die Arneburger ihre beiden kleinsten Kirchenglocken dahingeben. Sie wurden zerschlagen, geschmolzen, und gingen mit feurigem Eisen vermengt aus den sprühenden Schlünden der Geschütze dem Feinde entgegen, ihm Tod und Verderben verheißend. Ergreifend schön war jene Abschiedsrede gewesen, die der Pastor Schröder den sterbenden Glocken gehalten hatte. Dann läuteten sie noch einmal, zuerst einzeln, dann gemeinsam ihren Grabgesang. Des Meisters Hammerschlag gegen das eherne Metall, war ein Hammerschlag in die Seele der Arneburger. Mit Tränen in den Augen sahen Alt und Jung ihr Heiligtum, das ihnen zu glücklichen Ereignissen Freude bereitet, das ihrer Trauer Trost gespendet, in Stücken zur Erde fallen. Wo war der liebevolle, der herrliche Klang der Weihnachts-, der Sylvesterglocken, der den Arneburgern so traute Heimatklänge verkündet hatte? Nur die große Sturm- oder Betglocke blieb ihnen erhalten, die nun so vereinsamt ihren Klang über die weiten Gefilde des Städtchens entsendet.

1922

verstarb in Arneburg der um das Wohlergehen der Stadt hochverdiente Bürgermeister Wolff, seelisch zusammengebrochen durch den Tod seines auf dem Felde der Ehre gebliebenen einzigen Sohnes. Schien auch sein persönliches Verhalten der Bürgerschaft gegenüber sich nicht immer in hingebender Form zu bewegen, so war er doch ein rechter Vater der seiner Leitung anvertrauten Stadt. Wer ihn näher kannte, der allein wird wissen, daß sein ganzes Dichten und Trachten dem unermüdlchen Dienste der Stadt galt. Ich habe einmal gelegentlich eines Streites zwischen 2 Bürgern Arneburgs das Wort gesprochen: "Ihr werdet, wenn Ihr gerecht sein wollt, dem Bürgermeister Wolff in späteren Jahren noch ein Denkmal in der Stadt setzen. Denkt daran, daß er nicht leere Worte machte, sondern für die Stadt Ungeheureres geleistet hat. Haltet Euch die Regulierung der Straßen, die Anlage der Plattenbahn auf den Bürgersteigen, die Erbauung der Eisenbahn, des Hospitals, des Schulhauses und die Anlage der Wasserleitung vor Augen." Da aber schwiegen die streitsüchtigen Parteien und erkannten, daß Arneburg ohne den Bürgermeister Wolff heute ganz sicher nicht das wäre, was es trotz seiner immer noch recht großen Bescheidenheit ist; es wäre eben im alten Stile "weitergespießbürgert" worden ohne die segensreichen kulturellen Fortschritte, die er ihnen verschaffte. Sein letztes Werk war die Versorgung der Stadt mit elektrischem Lichte. Dringend zu wünschen wäre es, wenn sich die Herren Nachfolger Wolffs mit demselben Eifer in den Dienst des Allgemeinwohles unserer Stadt stellen würden.

Ihr aber, liebe Landsleute, seid Euch nun der schönen Heimat auch in unserer trüben Zeit voll und ganz bewußt, helft, daß auch unser Stammland wieder besseren Tagen entgegengehe, tragt zu Eurem Teile nach Kräften dazu bei, daß unser historisch und landschaftlich so schönes Arneburg sich erhole, fort und fort zunehme, blühe und gedeihe. Tragt Euer Heimatempfinden mit freudigem Herzen in die unparteiische Welt, auf daß auch jeder Fernstehende ein Interesse an der Schönheit unseres Städtchens empfände, seid stolz darauf "Altmärker" zu sein, auch wenn Ihr in weiter Ferne von der heimatlichen Scholle Euer Dasein fristet.

Denkt an das altmärkische Lied, das Euch sogar zum Teil auf dem Gelde der Not eingeprägt wurde:

"Kümmst Du up Dienen Lew’nsweg wiet äöver Land un Meer,

Dänn wies, dat Du ut‘ d‘ Ollmark bist, un holl up Dütsche Ehr!"

Wir aber, die wir fern von der Heimat leben müssen, wollen erst recht stolz erhobenen Hauptes eisenfest die Zeit der Schmach überstehen, bis am fernen Horizont eine neue Zeit im Morgenrote aufleuchtet, die uns den Weg zeigt, auf dem wir frei werden von aller Schande, die Versailles uns angetan hat!

"So Adlerburg, Finstere Wolkennacht

Hat allen Glanz vertrieben,

Von alter Ehre, alter Macht

Ist nur Erinnerung geblieben;

Zerschlagen ist das stolze Werk,

Das Helden uns geschaffen haben,

Und um den deutschen Schicksalsberg

Fliegt wiederum das Heer der Raben.

Und doch: wie sich bei Tagbeginn

Der Himmel immer wieder lichtet,

So ist auch unser Blick und Sinn

Fest auf den neuen Tag gerichtet,

Er komme, wann er kommen mag,

Er findet Tor und Herzen offen,

Der Frühlingstag, der Maientag,

Der deutsche Tag, den wir erhoffen.